Vogelbeobachters Tagebuch — 14. und 15.5.12

Vogelbeobachter: Margus Otslinnuvaatleja.ee
Foto: Arne Ader
Übersetzung ins Englische: Liis
Vom Englischen ins Deutsche: Leonia
 
Überfliegender Zug von Trauerenten. Puhtu
 
14. Mai
Am Morgen hätte ich nicht vermutet, dass dieser Tag mit einem besonders starken Wasservogelzug enden würde. Während am Morgen auf Rista nina nur einige zehntausend Wasservögel zu sehen waren, war dann am Abend der Himmel zeitweise mit Vögeln übersät, und vor Sonnenuntergang flogen innerhalb weniger Stunden mehr als 100.000 Wasservögel Richtung Norden.  Heute zogen wieder massenweise Trauerenten (Melanitta nigra) (annähernd 111.000 Vögel) und Eisenten (Glangula hyemalis) (mehr als 50.000 Vögel) durch, aber auch 7.000 Weißwangen- oder Nonnengänse (Branta leucopsis) kamen übers Meer aus Richtung Schweden. Unter den Nonnengänsen waren auch 263 Ringelgänse (Branta bernicla). Diese Art habe ich bisher in diesem Jahr noch nicht gesehen, meine 2012er Jahresliste weist nun 236 Vogelarten auf.
 
Ohrentaucher
 
15. Mai
Nachdem wir letzte Nacht auf Rista nina so einen gewaltige Wasservögel-Zug beobachten konnten, hofften wir an diesem Morgen ebenfalls auf einen rechten Zug. Aber dem Meer schienen Eisenten und Trauerenten ausgegangen zu sein, und wir sahen nur ein paar Tausend Wasservögel während etlicher Stunden. Am Abend war die Szenerie noch langweiliger, nur ein paar Hundert Trauerenten zogen vorüber. In den nächsten paar Tagen hoffe ich dass noch eine weitere Durchzugs-Welle kommen wird, zum Beispiel waren bisher Seetaucher nicht besonders zu sehen. Aber ich blieb heute nicht ohne neue Art. Aus Langeweile ging ich, nach auf dem Zug gelandeten Vögeln in den Sträuchern Rista ninas zu suchen und bemerkte 2 Buschrohrsänger (Acrocephalus dumetorum), meine 2012er Jahresliste enthält nun 237 Vogelarten.
Heute kam ein Bericht über 4 Schwarzhalstaucher (Podiceps nigricollis) im Audru-Polder. Es wurde versichert, das die Vögel deutlich zu erkennen waren, und das die Beobachter, die viel Erfahrung mit dieser Art haben, zu mehreren waren, und dass es keinen Zweifel an der Bestimmung der Art gab. Daher wurde die Neuigkeit durch Rarilin (Birdline) verbreitet und vermutlich eilten ziemlich viele Twitcher, die seltene Art zu sichten. Die Vögel wurden sofort gefunden, aber statt der Schwarzhalstaucher fanden sich 4 Ohrentaucher (Podiceps auritus), eine hier relativ häufige Art. Wir haben es mit vergleichsweise ähnlichen Arten zu tun, aber selbst ein nur mäßig erfahrener Vogelbeobachter sollte sie erkennen. Leider können Vogelbeobachter und Minenräumer nur einmal schief liegen: Minenräumer verlieren ihr Leben und Vogelbeobachter ihre Glaubwürdigkeit (vor allem, wenn es innerhalb kurzer Zeit mehrere ähnliche Vorfälle gab). Der größte Feind eines Vogelbeobachters ist extreme Selbstsicherheit. Auf das Zeichen eines einzelnen Pieps oder einer erhaschten Bewegung in einem Busch, oder einer verschwommenen Form aus extremer Distanz kann und muss eine sichere Bestimmung einer Art nicht geschehen. Selbst wenn man auf eine gewöhnliche Art trifft, besonders, wenn der Vogel zur falschen Zeit und am falschen Ort zu sehen ist, muss die Bestimmung stets kritisch überprüft werden. Irren ist menschlich, aber man muss es zugeben. Fehler zuzugeben erhöht gewiss die Glaubwürdigkeit eines Beobachters.


 

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