Erste Juli-Woche: ein märchenhafter Wald

Verfasst von Kristel Vilbasteloodusenaine@hot.ee
Fotos von Arne Ader
 
Der Herbstzug der Vögel gewinnt an Fahrt. Ziehender Schwarm junger Stare
 

In Kürze:

Ich war mehrere Tage von zu Hause fort und während ich über das Gras des Gartens zum Gewächshaus nach Tomaten und Koriander laufe, streicheln weiche weiße Blütenbüschel des Weißklees meine nackten Sohlen. Regentropfen vom morgendlichen Gewitterschauer leuchten mich aus den kleinen weißen fröhlichen Blüten an.
 

 

Das Gras des Gartens mit Weißklee ist der Herzschlag des Hochsommers. Es kann niemanden geben, der sich nicht in diesen weichen Teppich werfen mag, dem Gesumm der Bienen und dem Liebeslied der Gelbspötter zu lauschen und zu träumen ... Sich hoch hinauf auf ein Wolkenross zu träumen, durch den blauen Himmel schwebend und über sieben Länder und Meere fliegend. Das vergangene Wochenende verbrachte ich bei der IX. Sommerschule der Freilandschule in Obinitsa und dort flogen wir über das märchenhafte Setomaa. Die Vollmondnacht am Donnertag veranlasste uns, den Dichter Ilmar Vananum im Dorf Hilana zu besuchen, in dessen Garten wir jungen Honig kosteten und klares Quellwasser tranken. Hilanas Dorfpoet aus der Familie Tarka zeigte uns den Hausstandort der Liedmutter, der von den gleichen Büscheln Weißklee summte. Am Hang eines hohen Hügels in einem weißen Zauber stehend kann man verstehen, woher die Zeilen der Liebe und Setomaa in des Sängers Mund gelangen. Der Eindruck war so mächtig, dass viele Lehrer am frühen nächsten Morgen zurückgingen nach Hilana, um im Quellbach zu schwimmen und Teil der Naturdichtung zu sein. Und wahrscheinlich um den Kindern im Herbst davon zu erzählen und die Kinder zu lehren, direkt nach der Natur zu singen.
 
 
Die diesjährige Erdbeer-Ausbeute war gut. Die roten Erdbeeren haben einen Häher zum Kommen verleitet
 

Blütenkranzschönheiten

Aber eine neue Geschichte erwartete uns zu Kirmas bzw. dem alten Mittsommernachtsabend beim Kilova-Hof, in Wiese und Wald von Königin Õie Sarv. Die errötenden Erdbeeren, die blauen Glocken des Beinwell, die langen Reihen der Früchte auf dem Bilsenkraut, die weißleuchtenden Blütenstände der Malven und die mächtigen Blütenähren der Königskerze waren nur der Anfang eines Erlebnisses zauberhaft wie ein Gedicht. Der Weg des Quellbaches – über eine grillenzirpende und schmetterlingstanzende Wiese voller Blumen; die purpurnen Blüten der Heidenelken, die lila Köpfchen der Feldskabiose, der zarte Dunst des roten Straußgrases, die blühenden Klöppel des Wiesenlieschgrases; Wiesenglockenblume, Knäuelglockenblume und pfirsichblättrige Glockenblume, Gartenehrenpreis, geflecktes Knabenkraut, Wiesenraute; berauschend duftendes Wiesen- und nordisches Labkraut; zwischen den Farnwedeln entlang des Talhanges, vorbei an den drei Kesseln voll Münzen, die zur Mittsommernacht emporsteigen – zu der Quelle, die direkt aus einer Sandsteinwand entspringt.
 

Krausköpfige Schönheit

Die zauberhafte Welt der Pflanzen bot uns zwischen den Blättern des Lebermooses und dem ledrigen Laub der Haselwurz eine echte Überraschung. Endlich sah ich eine echte Teufelskralle ("Rapunzel") im Wald wachsend. Ja, genau diese mit Zaubernamen benannte Pflanze wächst hier in Estland an wenigen Stellen. Zunächst fand Botanikerin Tiina Elvisto drei weiße krausköpfige Blüher am Rande der Quelle, und bei einer Suchrunde mit einer anderen Gruppe zwei weitere. Die Teufelskralle/Rapunzel ist eine wahrhaft wundersame Pflanze, und ich kann gut verstehen, warum Rapunzels Mutter sie suchte – wer diese Pflanze im einem Wald findet ist jemand mit magischen Kräften.
 
Die letzte Woche brachte viele frische Schmetterlinge auf die Wiesen. Braunscheckauge auf Skabiose
 

Hafergranne in der Kehle

Es ist die Zeit des Flügelreckens in der Vogelwelt. Unsere Steinschmätzerfamilie flog aus dem Nest und nun betteln die Jungen bei den Alten nach Futter, am Rand des Rübenfeldes hockend und komische Geräusche machend. Die Weißstorchenjungen stehen aufrecht im Horst und flattern mit den Flügeln. Meist sind drei Junge in diesem Jahr in den Horsten. Die Kraniche sind aus den Feldern herausgekommen. Stockenten watscheln überall mit ihren Küchlein herum. Die Staren-Kindergärten sind zu echten Schwärmen herangewachsen und dank des Umstands, dass in den Wäldern die Heidelbeeren reif sind, wandern die Drosselscharen langsam von den Gärten in die Wälder. In Viluse sah ich, wie eine Küken hütende Bachstelze und eine Drosselfrau sogar ein Baummarderjunges aus diesem Frühjahr in die Flucht jagten. Viele Vögel sind verstummt, der Kuckuck ist nicht mehr zu hören. Aber noch sind diejenigen, deren erste Brut fehlschlug, mit voller Kehle am singen. Hier bei uns sogar Lerchen.
 

Schmetterlingssommer

Natürlich waren alle Arten von Insekten die Überraschung der Woche. Abends ist das Ufer des Peipussees so voll auf und ab schwimmender Tagfliegen, dass es eines starken Willens bedarf, sich durch die Masse zu schieben. In Setomaa waren Baumweißlinge, Distelfalter und großer Schillerfalter in der Luft. Nicht zu sprechen von den Ansammlungen von Bläulingen an Gewässern und den über den Blüten schwebenden Schecken- und Mohrenfaltern. Dreieckige bunte Bremsen gibt es dieses Jahr sehr viele. Der Mückenschrecken kling bereits ab, lediglich nervige Fliegen und Wespen nehmen zu. Seegewässer haben mehr als 20 Grad zum Schwimmen erreicht, sogar die Wasseroberflächen der Quellen beginne sich zu erwärmen.
 
Birngrün blüht in Heidelbeer-Wäldern mit grünlich-weißen Blütenständen
 
Wenn es am seitsmevennakesepäeval (Siebenbrüdertag, Donnerstag, 10. Juli) regnet, dann wird es danach sieben Wochen lang regnen.* Simuna

* [Wie's Wetter am Siebenbrüdertag, es sieben Wochen bleiben mag.]
 
 
Am Karusetag, 13. Juli, ist die Hälfte des Sommers um. Aus der Gemeinde Pühalepa ist bekannt, dass dies ein solcher Feiertag ist, dass an diesem Tag sogar die Geschäfte der Geister geschlossen haben. Bis zu diesem Tag sollte die Heuernte abgeschlossen sein, weil von da an ein eiserner Nagel im Stroh sei. Der Abend des Karusetages ist gut zum Krebse fangen, die Krebse kommen sogar bei wenig Köder. Von diesem Tag an muss man nicht länger gegen Bremsen kämpfen, sie verschwinden plötzlich. Nach und nach lohnt es sich, nach dem Moltebeeren-Sumpf zu schauen.
 
Estlands Quellen: Vormsi-Quelle
Im Prästvike-See, in der Mitte der Insel Vormsi, entspringen mehrere Quellen. Prästvik ist eine ehemalige Meereslagune, die inzwischen größtenteils von Schilf überwachsen ist. Im nördlichen Teil des Sees entpringen mehrere Quellen, die größte ist die Große oder Opfer-Quelle. Entlang des Wanderweges kann man den Beobachtungsturm an der Nordküste erreichen. In der Nähe liegt die seltsame Lubjakünka-Quelle (Kalkhügelquelle). Darum herum sind kalkreiche Quellwiesen entstanden, wo verschiedene Orchideenarten wachsen. Die größte der vielen Quellen im nördlichen Teil des Prästvik ist die Suurallikas (Suurquelle). Die sommerliche Durchflussmenge der Quelle beträgt 10 Liter/Sekunde und sie bildet einen nahezu halbmeter tiefen Kump. Von der Großen Quelle wurde früher das Wasser zum Herrenhaus gebrachtt.
 


Übersetzung: Liis und Leonia



 

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