Vierte Juli-Woche: Fingerzeig der Höllenhitze

Verfasst von Kristel Vilbasteloodusenaine@hot.ee
Fotos von Arne Ader

 
Der große Gehörnte – eine über dem sich zur Nacht neigenden Horizont stehende Gewitterwolke – groß wie ein Gott aus Vorzeiten, rote Hörner an einem rußschwarzen Kopf. Vom Gipfel des Himmels blickt er auf ein vor Trockenheit und Hitze stöhnendes Estland hinab.
 
Die vier Wetterzeichen dieser Woche:
der schnatternde Hain der Stare,
zirpende Grillen,
Blaubeermund
und tropische Hitze.
 
Auf trockenen Wiesen blüht der wilde Majoran. Alvar von Salevere in Matsalu
 
Nun, da ist sie also endlich, die allsommerliche kurze Hitzewoche. Eine gibt es davon meistens im Verlauf des Sommers in Estland. Diesmal steht jene jedoch in scharfem Kontrast zu den vorangegangenen zwei kalten Monaten. Dieses Wetter erdrückt Menschen wie auch Tiere. Aber hartnäckig versuchen die Menschentiere sich in diesem Sommerhöllenkessel zu bewegen, die pelzigeren Tiere ziehen sich ruhig in die Kühle von Bäumen und Sträuchern zurück und schlafen. Schlafen, bis der rotglühende Ball hinter den Horizont fällt und der Nebel die warmen Wiesen einhüllt. Dann kommen die Dinge aus dieser Nebeldecke. Aus der weißen Wand schlüpft ein schwarznasiger orangefarbener Fuchs heraus, ein Drosselküken zwischen den Zähnen. Ziemlich bald tapsen zwei hin- und her wackelnde Marderhundwelpen hinter den aus dem Nebel herausragenden Kiefern ins Sichtfeld, und von Ferne – kracks – springt ein gehörnter Rehbock heraus – erschrocken, schaut auf die Umgebung, schüttelt seinen Kopf und hastet, den Kopf nach hinten geworfen, davon mit langen Sprüngen. Der Nebel fällt und der Nebel steigt, die weiße Masse atmet mit der herannahenden Gewitterwolke. Aber das Gewitter spielt mit uns, belebendes Wasser spendet es nur wenigen, die wirbelnden Sturmböen jedoch reichen aus, links und rechts herum.
 
Blauviolettes Feld
In einer Woche hat die Sonne die Distelsamen reif gebacken und nun ist der Himmel voller weißer Tupfen wie Kreuzstichstickerei. Der weiße Blütensee der geruchlosen Kamille ist in einem Augenblick in orangebraunes altes Heu verwandelt. Genau den Heuduft enthält der Rausch, in dem der Radler nun die Straßen Estlands entlang sausen kann, die Heuernte ist beendet, die ersten Mähdrescher ziehen auf die Felder. Das Blau der Flachsfelder endet, die Schoten sind groß und prall. Einer meiner Favoriten – Chicoree – blüht jetzt in seinem sanftblauen Rock. Und die Finger der meisten Esten sind blau, weil es in diesem Jahr fast Unmengen Blaubeeren gibt – Magenprobleme und schlechtes Sehen können in diesem Jahr die Einwohner von Jungfrau Marias Land (Maarjamaa) nicht wirklich verfolgen. Es lohnt sich, von der Wiese einen dicken Bund Schafgarbe und wilden Majoran mitzubringen, aus dem Kiefernwald neben den Pfifferlingen auch eine Handvoll Islandmoos.
 
Dieses Jahr ist an Heidelbeeren reich
 
Flugschule
Lebhafte Flugschulen sind nun bei den Vögeln im Gange – springen und Flügel spreizen. Kaja Kübar aus Pärnumaa schreibt: „Weißstorcheltern kaufen offensichtlich keine Trampoline für ihre Kinder, aus Risikoabwägung ... so müssen die Jungen ohne zurecht kommen und so springen sie aus dem Horst ... um bald mit echten Flugübungen zu beginnen“. Bussard- und Krähenjunge haben bereits irgenwie tragfähige Schwingen, die Altvögel spielen alle Arten von Tricks aus, sie zu einem längeren Ausflug zu bewegen. Die Storchenjugendlichen genießen eine angenehme Zeit, Heuschrecken und Froschgeschnetzeltes hinter den Erntemaschinen zu naschen, hinter einem Pflug kann man sogar mehr als dreißig Vögel sehen.
 
Blumen und Früchte
Blüten endlos – purpurner Majoran, gelber Rainfarn, der hohe Gilbweiderich mit goldenen Tupfen, zartviolett getupfte Kletten, die hohen Kerzen des Weidenröschens und die rosa Blütenköpfe des Baldrians. Vogelbeeren ergattern herbstliche Farbe, die Beeren des roten Holunders sind feuerrot. Nüsse gleichen Nüssen, aber sie haben noch keine Kerne. Im Garten sind schwarze Johannisbeeren und Kirschen reif. Pflaumen erreichen Größe, Apfelbüschel zeigen bereits ihre Präsenz. Der Ansturm der Schnecken erhält einen herben Rückschlag durch die Hitze, aber an deren Stelle genießen die Ameisen die Hitze und feiern fleißig Hochzeitsfeste, alle Orte sind voll geflügelter männlicher Ameisen.
 
Die Samen des Waldwindröschens sind reif für ihren Verbreitungsflug
 
Lahmgelegte Folkleute
Auch ich war beim Viljandi Folk-Festival und wurde im Höllenkessel des Eröffnungskonzerts von Kaevumäe gebraten. Die Folkleute werden vermutlich jetzt verstehen, warum jeder einzelne verbliebene Baum im Schloßpark von Viljandi erhalten werden sollte, die im Freien gegarten Folkleute wurden fuhrenweise davongekarrt. Aber das dort gesungene Lied des Männerchors war keineswegs den von den Grasmücken gesungenen Geschichten unterlegen, Zirpen und Zwitschern, Pfeifen und Flöten, dazwischen gröberes männliches Gebrumm und zarte weibliche Engelsstimmen. Schön, schön bist Du, sommerzeitliches Viljandi.
 
ZITAT: Fleisch bleibt im August nicht frisch. Torma
Im August kommt der Geist in die Büsche, sagt die Volksweisheit der Vorfahren, die Nächte sind so dunkel, dass man die eigenen Finger nicht sieht, sie in den Mund zu stecken, daher muss man von nun an eine Taschenlampe auf nächtliche Wanderungen mitnehmen. Und es wurde gesagt, dass wenn die erste Augustwoche heiß sei, dann werde ein langer kalter Winter kommen, im Frühjahr werde der Schnee lange am Boden liegen. Die Wetterweisen prophezeihen tatsächlich starke Kälte für den nächsten Winter, es ist der letzte Zeitpunkt, nach den trocknenden Brennholzvorräten zu schauen, vielleicht sollte man noch ein paar Maßnahmen ergreifen.
 
Der Trick der Weißstörche gegen die große Sommerhitze: die Beine werden mit Exkrementen weiß getüncht

Estlands Quellen: Kõrgema-Quelle
Auf Saaremaa, auf der Sõrve-Halbinsel im Viieristi-Wald liegt die Kõrgema-Quelle, wo man Hilfe gegen viele Schmerzen und Krankheiten erhalten kann. Hier kreuzen sich fünf Straßen, von diesem magischen Kreuzungspunkt hat auch die Quelle ihren Namen erhalten. Am Fuß des östlichen Hanges des 20 Meter hohen Küstenabhangs von Litoriina entspringen zahlreiche arthesische Brunnen. Das Grundwasser sickert auch etwas weiter entfernt aus den sumpfigen Böschungen heraus, wo sich ein kalkreicher Quellsumpf mit einer besonderen Flora entwickelt hat. Die kleine Kõrgema-Quelle war nach der Volkstradition eine Hilfe bei der Heilung von Augenkrankheiten, wonach die Quelle auch als Augenquelle bekannt ist. Der Abfluss der Quelle liegt Richtung Sonnenaufgang, daher glaubten die Menschen, dass mit diesem Wasser kranke Augen geheilt werden können, und dieses Wasser wird immer noch für kranke Augen geholt.


 

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