Zweite Februarwoche: mein geliebtes Vaterland

Verfasst von Kristel Vilbasteloodusenaine@hot.ee
Fotos: Arne Ader
 
Verschneite Landschaft mit Maus
 
Frostiger Morgen. Die Sperlinge hüpfen im Schnee, jetzt tun es auch Haferflocken, die bisher gemieden wurden. Der fleißigste Picker ist ein rotköpfiges und rotbäuchiges Birkenzeisigmännchen. Wie eine Maschine pickt es nun jedes übrige Körnchen vom Futterplatz.
 
Die vier Wetterzeichen dieser Woche:
Kegelrobbenjunge am Ufer,
Horstbesuche der Adler,
Spechtgetrommel
und noch Tauwetter.
 
„Es ist schön, dass ich in Estland lebe,“ meinte mein 8-jähriges Kerlchen von Tochter Aotäht am Frühstückstisch, die Prillitoos TV-Programme anschauend, wie sie über die Liebe zum Land und der Natur sangen. „Weder Zedern noch Palmen wachsen in unserem Land“ klingt aus dem Fernseher. Aber wir haben Eis und Schnee! Gerade aus diesem eisigen Reich kamen wir Samstagabend. Von der Leigo Eis-Musik, wo Hunderte von Eiswürfeln zu einer Märchenwelt aufgetürmt waren, jedes eine Kerzenflamme oder ein farbiges Licht verbreitend. Erstaunlich, was Kälte an Mustern formen und gestalten kann. In der gesamten Ausstellung der Eismeister gab Tõnu Tamm den Eisstatuen mit seiner warmen Handfläche den letzten Schliff. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass Esten das Eis und den Schnee gegen Palmen tauschen würden. Das Gleiche sagte der 23-jährige Kaspar, der das Amt des Eismeisters 10 Jahre innehatte, als ich fragte, ob er keine Sehnsucht habe, für einen einträglichere Posten ins Ausland zu gehen. „Nein!“ antwortete er sicher. Dieser junge Mann, der seine Eisskulpturen eine Woche lang draußen geformt hatte, brannte vor Aufregung, sein erstes Tartu-Marathon auf Skiern zu fahren. Und jeder Este versteht seine Begeisterung. Es gibt wohl keine Familie, die nicht von diesem Erreger infiziert wäre. Dieses Skifahren durch eine packende Winterwelt verbindet uns. Es mag für Fremde seltsam erscheinen, ist aber jedem kniehohen Kind, Junge und Mädchen, verständlich. Dies ist etwas, wofür man in Estland bleibt.
 
Das milde Winterwetter hat viele kleine Wesen auf den Schnee herausgebracht. Riesenspinne
 
Vom Nebel verhülltes Land
Estland vor dem Marathon ist wirklich schön, besonders der Samstag, der die Sonne vom blauen Himmel scheinen ließ und der gegen Abend den Bäumen einen frostigen Bart anzuweben begann. Und die wunderbare Aussicht, als die weißen Nebel über die Hügel in die Dunkelheit huschten. Wie der Schnee immer stärker funkelte, als die Kältegrade sanken, wie das „Knirschen“ in den Schnee kam. Den ganzen Tag über hatten die Kohlmeisen ihr Frühlingslied herausgeträllert, gegen Abend verstummten ihre Schnäbel. Möglich, dass die Schnäbel gesteckt voll Sonnenblumenkerne waren, so dass sie der kalten Nacht vertrauensvoll begegnen konnten. Sogar die Rebhühner, die bereits seit einer Woche mit glatten Federn herumliefen, waren wieder aufgeplustert und dick.
 
Kampfsport in den Bäumen
Aber es war eine ganze Woche lang Frühling. Die „Hahnenkämpfe“ der Meisen waren ständig zu sehen, die gesamte Futterhäusl-Bande wurde unerwartet streitsüchtig. Die Elster sitzt hoch oben in der Baumkrone und beobachtet sorgfältig ihr Nestbündel. Die Spechte bieten ihre Frühjahrs-Specht-Getrommel dar. Grünfinken sind nicht länger still, sondern greifen hin und wieder Bruchstücke ihres Frühlingsliedes auf. Und der Schnee Estlands ist überhaupt nicht mehr leblos, hie und dort irren ein verschlafener Igel oder ein Frosch-Bengel, eine Spinne oder eine zukünftige Mücke heraus, darauf herumzulaufen.
 
Rainfarn
 
Die Gewässer sind offen
In großen Flüssen und allen kleinen Waldbächen ist der Wasserspiegel offen, auf das Eis von Fließgewässern zu gehen ist nicht mehr sehr klug. Und obwohl an der Spitze von Sõrve säär nur eine Reifschicht von Schnee liegt, ist die Schneedecke in Võrumaa 57 cm dick! Das Meereis ist in diesem Jahr dürftig, mit der Looduskalender.ee-Kegelrobbenkamera von Saaremaa kann man noch wogendes dunkelblaues Wasser sehen. Aber auch, wie das Robbenweibchen sein Junges hegt. Nur drei Wochen dauert deren gemeinsames Leben, danach verlässt es das Robbenweibchen und beginnt ein neues Dasein. Für das Robbenjunge ist der Fettvorrat aus der Säuglingszeit für die folgenden ein oder eineinhalb Monate ausreichend, dann muss es eigenständig zu fischen beginnen.
 
Die Hainhüter der Quellen
Für mich waren die Besuche der Quellen nahe Tartu in der vergangenen Woche auch aufregend: Põrguvaluläte, Paeläte und Silmaläte (Höllenschmerzenquelle, Kalksteinquelle und Augenquelle). Mir wurde erzählt, dass „paas“, Kalkstein, auch roter Sandstein bedeuten kann „punapaas“. Und auch, wie golden die plätschernde heilige Quelle in dem dunkelroten Bachbett sein kann, eine Quelle, die Steine hat wie des Urvaters tiefe Augen. Es war auch interessant zu sehen, wie gut auch Privateigentümer die Quellen auf ihrem Grund instand halten. Dass Bäuerin Heli Jazõkova und Theaterregisseur Toomas Peterson glücklich sind, dem Besucher die Quellen auf ihrem Land zu zeigen und deren Geschichte zu erzählen. Und tatsächlich habe ich gesehen, dass der Staat ein schlechter Eigentümer ist. Wenn Geld im Überfluss vorhanden ist, werden Plankenwege gebaut und Schilder aufgestellt, wenn die Wirtschaft miserabel ist, dann verfällt alles und geht dahin. Aber die Haine und Quellen, die von Privateigner-„Hainhütern“ mit ihrer nur geringen Instandhaltungsausstattung erhalten werden, sind genau das, was wir zu sehen wünschen.
 
Bussard: Überwinterer, deren Zahl in Estland im Winter bis zu 3000 Individuen erreicht
 

Kasta vihta, püha läte. Lätte vesi, sala mesi. Võtku viha viheltettust. Kurjad sõnad, kade keeled. Keela, vihta, neela, vihta, varja vaese orja pihta!Põrmandale pääle, pääle! Kurjus, talla puude alla! Teise viha äravõtmise sõnad, 1854

Tauch ein den Rührlöffel, heilige Quelle. Quellwasser, verborgener Honig. Nimm den Zorn des Zornigen. Böse Worte, neidische Zungen. Hemme, Rührlöffel, verschlinge, Rührlöffel, schütze des armen Leibeigenen Körper! In den Staub, in den Staub! Boshaftigkeit, stampfe unter Bäumen. Worte, den Zorn von jemandem zu bannen, 1854 [kaum übersetzbarer Bannspruch]

 

Empfehlung: Hölzerne Gongs sollten aus Fichten-, Kiefern- oder Ahornbrettern gefertigt werden. Geeignet sind Bretter von 27x123x2 cm Größer. Die Schlegel sind aus Hartholz, wie Eiche, Esche. Je härter das Material der Schlegel, desto heller ist der Klang des Gongs.

 
Landarzt: Pfeffergeist

Der derzeit umgehende Virus will weder Wurmpulver noch Schwarzpulver nachgeben, auch weiße Pulver können ihn nicht vertreiben. Es dauert zwei Wochen, bis der Körper seinen eigenen Kampf gekämpft hat. Aber für Erwachsene gibt es ein Wundermittel, um schnell auf die Beine zu kommen. Die Vorväter haben dieses Mittel gegen Magenerkrankungen und quälenden Husten verwendet: in ein kleines Wodkaglas etwa zur Hälfte fein gemahlenen schwarzen Pfeffer (etwa einen gehäuften Teelöffel) und eine gleiche Menge 40%igen Alkohol geben. Die Mischung verrühren, und in einem Schluck trinken. Lässt die Augen tränen, aber versetzt das Blut in Kampflaune.

 

Estnischer Originalartikel hier veröffentlicht am 18.2.13

Übersetzung Liis und Leonia


 

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