Mancher wird sich vielleicht schon gewundert haben, warum einzelne Übersetzungen erst mit erheblichem Zeitverzug auf den deutschen Seiten erscheinen. Das gilt vor allem für die Artikel von Tiit Kändler (Gartenwerklers Tagebuch) und Kristel Vilbaste (Wochenchronik). Diese Texte sind eine echte Herausforderung und bringen jeden Übersetzer in ein Stadium leiser Verzweiflung. Nicht ohne Grund gibt es keine veröffentlichte englische Fassung von den Vilbaste-Chroniken, weil allein der "Feinschliff" einer englischen Übersetzung Liis erheblichen Zeitaufwand kosten würde.
Es ist ohnehin schon eine schier unglaubliche Leistung, die sie vollbringt, wenn sie alle estnischen Texte ins Englische übersetzt, immerhin ist Englisch nicht ihre Muttersprache, sondern Schwedisch (und Estnisch als Herkunftssprache ihrer Familie). Gerade schwierige Texte wie die eher philosophischen Texte Kändlers oder die Texte Vilbastes lassen sich leichter in die eigene Muttersprache übersetzen, als in eine fremde Sprache, weil sie viele Wendungen enthalten, für die es Entsprechungen in der eigenen Sprache gibt, die man in der anderen aber oft gar nicht kennt.
Als Beispiel habe ich einen Satz aus der letzten Vilbaste-Chronik herausgenommen, der mich einige Zeit beschäftigt hat und für den ich zusätzlich recherchieren musste, um ihn überhaupt zu verstehen:
Hilana Taarka soost kirjatsura näitas meile lauluema majapaika, mis sumises neistsamadest ristikheinanuttidest.Daraus macht Google auf "Englisch":
Hilana Taarka sex kirjatsura singer showed us the house in place of them the same buzzing ristikheinanuttidest.Und auf "Deutsch":
Hilana Taarka Sex kirjatsura Sängerin zeigte uns das Haus an Stelle von ihnen die gleiche Summen ristikheinanuttidest.Alles klar? Weil Google auch die Übersetzungen in andere Sprachen zunächst einmal über das Englische leistet, d.h. auch Google übersetzt nie direkt von einer Sprache in die andere mit Ausnahme ins oder aus dem Englischen, ist dieser Weg auch nicht sehr erhellend. Und jedem wird leicht einleuchten, dass damit keine brauchbare deutsche Übersetzung zu Stande zu bringen ist.
Liis übersetzt die Vilbaste Texte daher in eine englische Rohfassung, damit ich eine Grundlage für die deutsche Version bekomme. Sie übersetzte den Satz wie folgt:
Hilana’s kirjatsura (author? poet?) of the Tarka family showed us the song mothers house site that hummed of the same white clover tufts.Kurz vorher war in dem Text die Rede davon, dass Vilbaste zu einer Sommerschulveranstaltung nach Setumaa gefahren war. Und da im Englischen bei jeder Ortsbezeichnung meist "at" steht, es im Deutschen aber ein Unterschied ist, ob es sich um eine Insel oder Halbinsel, eine Gemeinde oder Stadt, oder eine Region oder einen Bezirk handelt (dann ist es entweder auf oder in), habe ich zu Setumaa Wikipedia befragt.
http://de.wikipedia.org/wiki/Setumaa Interessanterweise gab es zu dieser grenzübergreifenden Region zu lesen, dort lebten noch Reste eines Volkes der Setukesen, die eine dem Estnischen verwandte Sprache namens Seto sprächen und deren Kultur und Folklore sich von der Estnischen unterscheide, vor allem ihre Volksdichtung und ihr Liedgut sowie die Mythologie hätten Jahrhunderte überdauert.
Vor dieser Hintergrundinformation entstand jetzt der Satz auf Deutsch:
Hilanas Poet aus der Familie Tarka zeigte uns . . . Nun, was zeigt er ihnen, den Hausplatz der Liedmütter . . . nein, da stimmt was nicht, aber was ist gemeint? Was sind die Liedmütter? Und jetzt mit viel Phantasie und ohne Netz und doppelten Boden: Liedmütter sind vielleicht mystische Wesen, die diesem Volk ihr Liedgut bescherten, und die werden keinesfalls in einem Haus wohnen, aber House site kann auch Wohnort heißen und das passt in jedem Fall.
Also:
. . . den Wohnort der Liedmütter, der von den gleichen Büscheln Weißklee summte.Wenn man jetzt mehr über die Liedkultur der Setukesen wüsste, könnte man sicherlich auch konkreter werden, aber woher das Wissen nehmen? Und das Wort, das selbst Liis nicht kannte, könnte vielleicht ein in Estland einigermaßen bekannter Begriff aus der Sprache der Setukesen sein.
Ziemlich viel Konkunktiv, leider (aber dennoch mit recht gutem Gefühl, denn für mich ergibt es ein stimmiges Bild). Wenn jemand mehr dazu sagen kann, es würde mich interessieren, auch wenn der Artikel mittlerweile in dieser Fassung online steht.
Ergänzung eine gute Woche später:
Liis hat mir mittlerweile zusätzliche Informationen geschickt (siehe weiter unten) und der Satz heißt jetzt folgendermaßen:
Hilanas Dorfpoet aus der Familie Tarka zeigte uns den Hausstandort der Liedmutter, der von den gleichen Büscheln Weißklee summte.
Über das Leben von Hilana Taarka aus dem Dorf Hilana, der Vorfahrin des jetzigen Dorfpoeten, wurde sogar ein Film gedreht: http://www.taarka.exitfilm.ee/index.php?page=entaarka