Treffen von Rehwild: ein unglücklicher Bock

Eingereicht von Looduskalender - Mo, 06.11.2017 - 19.32
Sisu

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Der Bock auf dem Foto hat deutlich den Fotografen bemerkt und sein Ausdruck ist aufmerksam, aber was macht man, wenn das Tier einen anscheinend nicht sieht oder hört, wenn ein Mensch sich ihm nähert?

 

Foto: Tarmo Mikussaar
Übersetzung ins Englische: Liis

Übersetzung vom Englischen ins Deutsche: Brit

Estnischer Text gepostet vom Tier des Jahres Team am 25.10.2017

 

An einem Tag im August bemerkte ich einen Rehbock mit einem ganz durchschnittlichen dreigeteilten Geweih. Er stand auf einer überwachsenen Wiese und achtete nicht auf das herannahende Auto. Das war seltsam. Er muss gewusst haben, dass Jagdsaison war und es gibt immer wieder städtische Jäger, die es als nicht unethisch empfinden, aus dem Auto heraus zu schießen. Ich hielt an, stieg aus dem Auto und versuchte dem Rehbock klar zu machen, dass solch heldenhaftes Verhalten sinnlos war und früher oder später in einer Kathastrophe enden würde. Auch war kein Weibchen zu sehen, dass solch eine wagemutige Leistung hätte bewundern können. Meine warnenden Worte blieben unbeachtet. Mir wurde klar, dass irgendetwas nicht stimmte mit diesem Tier. Ich ging langsam auf ihn zu während ich sprach. Ich wurde weder gesehen noch gehört. Taub und blind? Keine Ahnung. Ich stampfte auf den Boden. Ein Ruck ging durch den Bock und er bewegte seinen Kopf hin und her. Hatter er eine Vibration wahrgenommen? Vielleicht. Die Entfernung zwischen uns war ungefähr zehn Meter oder weniger. Ich bewegte mich im Halbreis zur Luvseite. Kein sichtbarer körperlicher Schaden oder Gewichtsverlust waren zu erkennen. Das Fell war auch regelmäßig. Die Kreatur befeuchtete seine Nase mit der Zunge, erschrak und floh. Offensichtlich konnte er Geruch wahrsnehmen. Das Rennen war keine Serie von Sprüngen, eher ein vorsichtiger Trab. Aber gleichzeitig gelang es, einzelstehende Bäume und Büsche zu vermeiden. Er schien auch vorsichtig mit dem Graben vor ihm zu sein. Er wechselte deutlich dort die Richtung und war bald wieder in meiner Nähe. Ich ließ den Bock alleine und fuhr weiter.

Nach ein paar Tagen traf ich ihn in demselben Gebiet wieder. Er schaute wieder in die Ferne mit nachdenklichem Ausdruck. Dieses Mal wünschte ich der Rehbock würde eine schnelle Begegnung mit einem Luchs haben und sich nicht darum kümmern. Offensichtlich war es ein blindes und taubes Tier. In der Regel sollte man Abstand halten zu einem sich seltsam verhaltenen Wildtier das keine Angst vor Menschen hat.

 

Vahur Sepp