Kein Winter, kein Sommer – der Winter 2017 fiel aus!

Eingereicht von Looduskalender - Mo., 29.01.2018 - 14.16
Autorid

Text und Interviews Kristel Vilbaste

Foto Arne Ader

Video Villu Karjus

Übersetzung ins Englische Liis, vom Englischen ins Deutsche Leonia

Estnische Fassung publiziert 25.12.2017

Elva jõgi

Fluss Elva

Textkörper

Das Jahr 2017 war ein Jahr des Wartens. Wir warteten darauf, wann der Winter einträfe und der Sommer. Wann die Erdbeeren reifen und die Kranbeeren. Alles zögerte. Oder traf niemals ein.

Einen echten Winter gab es nicht. Oder wie der Naturkenner Vello Keppart mir schrieb: „Es gab in Jõgeva keinen phänologischen Winter, weil eine anhaltende Schneedecke von 30 Tagen Dauer nicht auftrat und es daher einen Winter im eigentlichen Sinne, oder einen sozusagen echten Winter in Jõgeva nicht gab. Es gab längere Phasen mit Schnee im letzten Jahr vom 2. November – 19. November 2016 (17 Tage) und in diesem Jahr vom 3. Januar – 24. Januar 2017 (21 Tage) und 30. Januar – 17. Februar 2017 (19 Tage).“

 Limo rand Ruhnus

Limo-Strand auf Ruhnu

Aber ein Nordstaatler wird betrübt, wenn es nicht einmal im Sommer möglich ist, schwimmen zu gehen. Ich selbst und viele meiner Facebook-Freunde plantschten im Sommer nur mit unseren Füßen im Wasser, wir gingen lieber in unsere kleinen Saunateiche zum schwimmen. Das Meerwasser was so kalt, wie es nur sein konnte. Zu meinem Unglück erschien in diesem Jahr mein Buch „Meeresspiele“, dessen Bade- und Schwimm-Spiele von den Lesern gänzlich unausprobiert blieben.

Das Einzige, was nicht verschwand, war die fünfte Jahreszeit in Soomaa. Die „fünften Jahreszeiten“ waren nach Aivar Ruukel und Algis Martsoo letztlich sieben und in der Geschichte Soomaas war nur im Jahr 1928 der Wasserstand schlimmer.

Aber versuchen wir uns etwas genauer zu erinnern, was das Wetterjahr brachte. Als ich diesen Text schrieb, befand sich mein Natur-Notizbuch in meinem Wochenendhaus auf dem Schreibtisch und die Reihenfolge der Facebook-Einträge, in denen das meiste, was rund um Tartu geschah, verzeichnet war, half mir, mich an die verschlungenen Pfade des Wetters zu erinnern.

 

Januar

Am 4. Januar hielt ich fest, dass es kalt wurde. „Die Hennen kommen in den Garten. Rebhühner. Sieben. Es war kalt draußen und etwas Schnee und leichte Verwehungen“.

Am 20. Januar war es nicht viel mehr Schnee geworden, Schalotten (Allium fistulosum) konnte man noch ernten.

 

Februar

Am 3. Februar lugt der Rasen durch den Schnee.

Am 7. Februar kommt Frost, draußen 18 Grad. Temperatur außen und innen gleich, nur mit unterschiedlichen Vorzeichen.

Am 23. Februar war der Rasen wieder grün.

 

März

Am 3. März singt die erste Lerche in Tartu und Weidenkätzchen öffnen sich.

Am 10. März stoßen die Schneeglöckchen durch.

11. März, der erste Star, 12. März eine Fliege, noch keine Schmetterlinge.

23. März, Leberblümchen blühen in Kütiorg hinter unserer Rauchsauna. Haseln beenden bereits ihre Blüte.

27. März beginnt der Birkensaft zu fließen, das Lungenkraut verzaubert mit seinen blau-violetten Blüten. 31. März starker Schneefall, Blumen verschwinden unterm Schnee.

 

April

2. April wärmen sich die kleinen gelben Sonnenräder des Huflattichs in der himmlischen Sonne, der Schnee ist wieder weg.

6. April erscheint ein Vor-Georgs-Tags-Regenbogen am Himmel.

Am Weidenkätzchentag, Urbepäev, den 9. April, blüht die Weide.

Den ganzen April spielt eine Bachstelze mit mir Verstecken und ich kann sie einfach nicht sehen. Am 12. April ist sie schließlich auf dem Rasen. Am nächsten Tag sind alle Wege und Pfützen voller Regenwürmer. Der Boden ist „bereit“. Und bis zum 17. April waren die Brennnesselblätter schon größer als Münzen und konnten zur ersten Brennnesselsuppe verarbeitet werden.

Aber dann geschah irgendetwas mit dem Frühling im Süden, alles war in einer Warteschleife. Und während die Natur im Süden normalerweise zwei Wochen im Vergleich zu Nordestland voraus ist, war es in diesem Jahr anders herum. Am 23. April sind die Kastanienknospen in Tallinn enorm groß und harzig, die Birke hat Mäuseöhrchen, die Ulmen blühen und Amseln bauen Nester. Im Süden war es bis dahin noch eine Weile hin. In Tartu fanden wir erst am 28. April Bärlauch, im Norden war die Saison längst vorbei.

Noch am 30. April blühten in Võrumaa Buschwindröschen. Was der übliche Zeitpunkt ist.

 

Mai

3. Mai, Löwenzahn blüht in Tartu, der Frühling ist da.

Flieder und Maiglöckchen sind erst am 30. Mai soweit. Draußen ist es kalt und trocken, die Leute befeuern ihre Kamine.

Metsmaasikad

Wilde Erdbeeren

 

Juni

Die Kälte und Trockenheit geht weiter. Die wilden Erdbeeren reifen nicht vor Mittsommernacht, die Kranbeeren blühen dann erst, aber zusammen mit den Preiselbeeren besonders reich. Es gibt unglaublich wenig Mücken. Ich sehe in Võrumaa keine Zecken, aber eine tauchte dafür in Tartu auf.

 

Juli

Vor dem Liederfestival begann es zu regnen und fuhr zu regnen fort. Es regnete so, dass eine Aufführung des Tanzfestivals abgesagt wurde, dennoch tanzten die Kinder auf dem Vabaduse-Platz den Regentanz des Jahrhunderts.

Pfifferlinge erschienen Anfang Juli und man konnte sie bis zum Weihnachtsmonat finden. Die Ernte war jedoch ein wenig kleiner als im Vorjahr.

Die Himbeer- und Moltebeeren-Phase begann später als üblich und endete bevor sie wirklich begann. Die Lindenbäume blühten selbstbewusst, aber die Bienen bildeten „Hungerschwärme“.

Ende Juli erschienen merkwürdige Nebel. 

 

August

In Südestland waren alle Straßenränder blau von Zichorie, aber es regnete und regnete und regnete. Mitte August gab es wundervolle Blitz-Einlagen mit Donner im Regen. Die Sommeräpfel reiften nicht.

Die Wespen, die normalerweise die Menschen den ganzen August belästigen, tauchten erst in den letzten Augusttagen auf, jedoch in so geringer Zahl, dass es kaum zu glauben war.

 

September

Die ersten Boviste erschienen, aber es gab noch keine Fliegenpilze, sie tauchten erst in den letzten Septembertagen auf.

Birken färbten sich bereits in den ersten Septembertagen gelb. Ein Herbst mit außerordentlich roten und flammenden Ahornblättern. Aber Haselnüsse sind auch in der zweiten Septemberwoche noch nicht zum Essen geeignet.

In Südestland gab es unglaublich viele Preiselbeeren. Die Kranbeeren-Zeit kam, es gab mehr als sonst, aber sie waren ziemlich klein.

 

Oktober

Am 3. Oktober trocknete die Quelle des Flusses Pärnu bei Roosna-Allik ziemlich aus, obwohl sie eine Woche zuvor noch fröhlich plätscherte. Aber kurz darauf wässert der Regen alle Quellen, so dass man nicht einmal in ihre Nähe kommen kann.

Am 20. Oktober kam der erste Frost. Am 26. Oktober gab es den ersten Schnee.

 

November

Nach dem St.-Martins-Tag wurde es wärmer und die Frühlingsblumen begannen wieder zu blühen. Am 20. November konnten noch Pfifferlinge und sogar Täublinge gepflückt werden. Gegen Ende November begann Schnee zu fallen.

 

Dezember

Von den südlichen Hügeln verschwindet die Schneedecke nicht mehr, im Norden bleibt der Boden dunkel. Der Boden ist weich wie zuvor und aus den riesigen Kahlschlägen kriechen Schlammflüsse zu den Straßen. Viele alte Dorfwälder verschwinden, die sogar mit örtlichen Namen in den Karten standen. Ein neuer Waldkrieg beginnt.

 

Ich fragte auch unsere sachkundigen Naturexperten nach ihren Kommentaren zum letztjährigen Wetter.

Torm merel

Sturm am Meer

 

Looduskalender-Urheber Gennadi Skromnov sagt:

„In diesem Jahr gab es viele Vogelbeeren auf den Bäumen, in alten Zeiten sagte das einen stürmischen Herbst für die Leute an der Küste voraus, jedoch haben die Vogelbeeren heutzutage nicht immer wahr gesagt. Aber an einen solch stürmischen Herbst kann ich mich nicht erinnern – als im Dezember die Stürme aus West-Nordwest kamen, hatte das Meer an dem einen Tag zwischendurch keine Zeit sich zu beruhigen, bis der nächste Sturm bereits heran jaulte … Der Weststurm Anfang November mit Windgeschwindigkeiten bis zu  27 m/s trug Tausende Tonnen Sand vom Peraküla-Strand ab in die See, was einen Uferabriss von bis zu zwei Metern hinterließ. Aber der Sand, der nicht auf den Meeresgrund gesunken ist, wird dort nicht bleiben – der Frühling wird es zeigen.”

 

Das Wetterweisen-Paar Laine und Vello Keppart aus Jõgeva schreibt:

„Eichen blühten im Mai, aber die Eicheln fielen ab. Im Sommer, am 11. August, entdeckte ich in den Orten Udria und Meriküla Ulmen, die von der Zick-zack-Ulmenblattwespe Aproceros leucopoda halb kahl gefressen waren. Ein erster Fund dieser invasiven fernöstlichen Art in Estland! Der Sommer und der Herbst waren so kühl, dass alles einen halben Monat zu spät dran war.”

Pihlapuu

Vogelbeerbaum

 

Folkloreexpertin Marju Kõivupuu erzählt:

„Die Mauersegler sind in diesem Frühjahr einige Wochen später hier eingetroffen. Als ich in Tallinn lebte, waren sie Teil meines Stadtvogelfrühlings über Jahre, in diesem Jahr sah ich sie nicht vor Ende Mai. Der Herbst wurde überwältigt von Vogelbeeren und anderen roten Früchten. Es ist nicht üblich, dass man am 10. Dezember im frühen Morgenlicht erwacht, weil die auf der schwedischen Mehlbeere schwelgenden Drosseln ein Frühlingslied anstimmen. Das Fruchtfleisch war auch ein wenig fermentiert, was den Gesang befeuerte. Jedenfalls schön und romantisch anzuhören.”

 

Kräuterfachmann Ain Raal schreibt:

„Es war ein merkwürdig langgezogenes Jahr, alles war eher zu spät dran und einige Früchte (zum Beispiel Weißdorn, Hundsrose, Gartenhimbeere und andere) reiften örtlich überhaupt nicht aus. Unsere Kräuter mussten eine kurze Wachstumsperiode bewältigen. Ich spielte mit dem Gedanken, dass sie in der Zusammensetzung dürftiger sein würden als sonst, oder das Gegenteil, hätten sie sich „zusammengerissen“ und fleißiger als sonst bioaktive Substanzen produziert?”

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Ulmenfleckenspanner. Foto Urmas Tartes

 

Insektenspezialist Urmas Tartes sagt:

Wenn das letzte Insektenjahr phänologisch 2-3 Wochen zu früh war, dann war es 2017 statt dessen 2-3 Wochen zu spät. Der Verzug begann im Frühjahr und dauerte gleichmäßig bis zum Herbst, und es waren auch verhältnismäßig weniger Insekten. Während 2016 schon ein eher bescheidenes Schmetterlingsjahr war, war 2017 noch bescheidener. Jedoch bemerkenswert war die Fülle an Ulmenfleckenspannern, gelbgefleckten Dickkopffaltern und großen Perlmutterfaltern. Die Information von Saaremaa über das ziemlich häufige Auftreten des großen Schwarmspinners kommt einem ebenfalls in den Sinn.

 

Brauchtumsforscher Mikk Sarv sagt:

„Das endlose Warten auf Winter und Frühjahr – warten auf Schnee, auf Bachstelzen, Wärme. Es gab viel Regen, Wasserstände höher als früher, warmes Wetter traf nicht ein. Das Warten ging weiter – Erdbeeren, Beeren, Sommer, sogar Mücken und Wespen. Es gab nicht genug Blüten für Bienen. Das Jahr endete feucht, ich kann mich an kein so nasses Jahr wie 2017 erinnern.

 

Kräuterexpertin Tiina Elvisto schreibt:

Im Mai wurde das Wasser in Seen und Flüssen für eine Zeit recht warm, aber dann wurde das Wetter kalt, regnerisch und windig. Schwimmen im Sommer gab es nicht, jedenfalls war ich nicht, es war kalt. Regen triefte im Juni hernieder, im Sommer und noch dazu im Herbst, lange und häufig. Es kam nicht viel auf einmal herunter, nur feine Tropfen. Im September-Oktober wurden die Felder überschwemmt. Es erinnerte an den Herbst 1978, als Estland bereits im August überflutet wurde. Damals war sogar noch mehr Wasser im und auf dem Boden als dieses Jahr. Zusammenfassend kann man sagen, dass anno 2017 auch im sandigen Gebiet Nõmme oberhalb von Tallinn ein Ferienjahr für Gießkannen war.

 

Tierhalterin Kaja Kübar schreibt:

Im Frühjahr konnte man draußen die Rufe von Schakalen, Wölfen und Eulen am Abend genießen. Der Sommer war ein gutes Blaubeer- und Moltebeerjahr. Rehe schätzen den Schutz der Rinder und ihrer Gehege und verbringen ihre Zeit hauptsächlich in ihnen. Es gab mehr Schlangen in den Feldern als zuvor. Die Wölfe sind hier umtriebiger geworden, vielleicht wurden sie durch die Aktivitäten der Neuankömmlinge, der Schakale gestört. Eine große Anzahl von Marderhunden mit Räude besuchte unseren Hof und wir trafen sie auch anderswo.

 

Umweltschützer Enn Vilbaste sagt zu Vögeln:

Im Frühling waren die Vögel hier zwei Wochen später, die Felder hier in Pärnumaa waren ohne Schwäne. Im Sommer gab es erstaunlich wenig Wachtelkönige; Raufußhühner benötigten Schutz gegen Beutegreifer und brüteten in Viehgehegen.

Ende August tauchten plötzlich mehrere tausend Kormorane am Nigula-See auf, für das Festland ein überraschend langanhaltend und früher nicht genutzter Rastplatz. Der Herbstzug der Vögel war verspätet, vor allem der Ziegenmelker. Die letzten Kiebitze trafen wir in Kalita am 5. Dezember. 

 

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