Letzte Juli-Woche: Schnäbel auf Pflaumenjagd

Text: Kristel Vilbaste
Fotos: Arne Ader
 
Gewitter haben den Wellen zusätzlich Stärke verliehen. Klippen von Osmussaare
 
Einen beeindruckenden Schnabel hat dieses Wesen. Der winzige Tukan des Nordens – der Kernbeißer – sitzt unter dem Mirabellenbusch, dreht das gelbe Pflaumenkind von einer zur anderen Seite. Fruchtfleisch fliegt herum ...
 
Die vier Wetterzeichen dieser Woche:
Starenschwärme,
Die gelben Augen des Rainfarns,
Die ersten Äpfel
und Sturmwind.
 
Die in einer Gartenecke meines neuen Heimes sich ausdehnende, üppige Mirabellenhecke ist das Zuhause von Dutzenden Vögeln. Jetzt, da das Blut der Vögel von der Zugunruhe in Wallung gerät, gibt es hier neue Akteure aller Art. Das gleiche Kernbeißerpaar kommt auch am frühen Sonntagmorgen. Es sind offenbar immer noch unsere heimischen Vögel, denn wenn ich aufstehe, mein Fernglas zu holen, verschwinden die Vögel wie von Zauberhand verschluckt. Aber am Freitagabend war ein ganz eigenartiges Paar hier – Seidenschwänze! Die Seidenschwänze kommen in der Regel bereits im Oktober aus dem Norden, weshalb diese Vögel entweder der Versuchung eines Appells „Talente zurück nach Hause“ erlegen sind oder es sind Einwohner mit Dauerwohnberechtigung. Aber schon bald kommt die Zeit, wenn so verwegene Vögel eintreffen, die man als Bewohner der offenen Tundra daran erkennt, dass sie nicht einmal ansatzweise Angst vor Menschen haben. Unser Rasen ist nun ständig voller Stare, die alles umdrehen wie eine Schar von Hühnern. Das Steinschmätzerpaar führt eine Abwehrschlacht mit den Bachstelzen, aber die Schwanzwipper haben ihre Jungen schon in die ganze Welt entlassen. Und jeden Morgen kommen Spatzenhallodris von Nachbars Erdhaufen heruntergeschlittert. Des Nachts sitzen Schwalbenschwärme auf Nachbars Dachrinne. Das städtische Leben ist überhaupt nicht arm an Vögeln.
 
Wenn die Luft am Strand voller Schlamm ist, wird es Zeit zu flüchten!  Alpenstrandläufer auf Nahrungssuche in den Uferalgen.
 
Gelb, gelb, lila
Die Pflanzenwelt nimmt langsam eine gelbe Färbung an. Die gelben Blütenknöpfe des Rainfarn und der hohe Goldstaub der Kanadischen Goldrute, zusammen mit den langen Stäben der Königskerzen. Aber die Auenwiese ist voller wunderbarer Blüten des Blutweiderichs, und die nebelzarte weiße Schafgarbe sehnt sich nach der Bindung in eine Strauß. Die Fruchterntezeit hat ebenfalls begonnen, die Apfelbäume haben die ersten madigen Marzipan- und zarten Weißäpfel [zwei sehr alte estnische bzw. baltische Apfelsorten] fallen lassen und die haben bereits ein wenig Apfel-Geschmack. Die Mirabellen sind goldgelb, in diesem Jahr gibt es nur wenig echte Pflaumen. Zur Begeisterung aller Bierfreunde hat die Zeit des Schälens der Saubohnen begonnen [zum reichlichen Bier gibt es einen Topf gekochter Bohnen auf den Tisch]. Die ausgezogenen Karotten sind bereits fingerdick, die Erbsen haben einen Hitzeschock erlitten und die letzten Körnchen wandern in den Saatbehälter für das kommende Jahr.
 
Würstchenkinderstube
Eine wirklich seltsame Überraschung erwartete mich, als ich einen Sack Dill zum Einlegen nach Hause brachte – die Dillstängel waren alle voller winziger, grün-schwarz-gelb-gestreifter Würstchen. Und ich habe in der Stadt keine Futterpflanzen, um diese kleinen Schwalbenschwanz-Kinder hineinsetzen zu können – als Futterpflanzen dienen ihnen nur Sumpf-Haarstrang oder Dill. Glücklicherweise ist eines der kleinen Würstchen recht groß, einige gab ich den naturinteressierten Kindern von Freunden — und letztlich kann man Dill ständig in den Läden kaufen. Insektenkenner Urmas Tartes meint, dass es tatsächlich sehr viele unserer größten Schmetterlinge gibt, und dass er einst selbst einen Schwalbenschwanz bis zum Frühjahrsschlupf durchgebracht habe; dafür benötigt die Larve ständig frischen Dill bis zum Verpuppen und im Frühjahr frisches Schneeschmelzwasser zum Erwecken.
 
Ziehende Schmetterlinge sind unterwegs. Admiral auf Natternkopf
 
Der Zauber migrierender Schmetterlinge
Laut Urmas Tartes gibt es auch viele Distelfalter und Admirale, die in diesem Jahr vom Mittelmeer hierher gewandert sind, ihre neuen Generationen fliegen nun zurück in den Süden wie die Zugvögel. Die Trauermantel-Schönheiten und die Pfauenaugen, von denen nun erste streunende Individuen herumflattern, überwintern hier. In diesem Jahr gibt es auch viele Marienkäfer, mancherorts an den Küsten gibt es Streifen von ins Wasser gefallenen ermüdeten Marienkäfern. Die Marienkäfer ertrinken nicht im Meerwasser, sondern werden an Land gespült. Die Bremsensaison geht langsam zu Ende, aber eine neue Mückeninvasion hat begonnen. Es gibt derzeit weniger Zecken, aber in der zweiten Augusthälfte sollte man besser aufmerksam sein.
 
Der Klang des Donnerambosses
Die Hitze, die die Leute zur Verzweiflung trieb, hat sich nach und nach in den Stürmen des Wochenendes verflüchtigt. In Südestland hat es bislang noch keine Stürme gegeben, aber in der Tallinner Tuukri-Straße (Taucher-Straße) mussten Taucher im ziemlich hoch stehenden Wasser nach den Abfluss-Gullis suchen. Wieder einmal scheint es die heftigsten Sturmschäden in Väike-Maarja gegeben zu haben, wo die Gewitterstürme ihre Tornados nach Pandivere sandten. Die Ambosse des Donners aber hängen überall über Estland. Eine solche ambossförmige riesige Wolke sah ich von Võru aus in der Mitte eines tiefblauen Himmels. Die Blitzjünger hämmerten rotglühende Eisen inmitten des Ambosses, dass der Funkenregen bis zum Boden zischte. Meines Bruders Kinder wurden von einem derartigen Härtetest erwischt, als sie vom Baden kamen und solch dicke Hagelkörner vom Himmel fielen, dass die Rücken der Kinder blau waren, bevor sie unter Dach gelangten.
 
Mittlerer Wegerich
  
Blumengeschichte: Wegerich/Streiter *)
In uralten Zeiten, als Pflanzen und Menschheit noch in Frieden miteinander lebten, gab es dennoch einen Bösewicht, der stets seine Wut an den grünen Freunden in der Erde ausließ. Immer gab es eine Ohrfeige für ein Eichenkind oder ein Kleeblattbüschel im Garten. Da die Pflanzenfamilie keine Füße zum Weglaufen hat, sandten sie ihre Worte an den Allvater, dass dieses Verhalten ungebührlich sei. Als zum nächsten Mal Ärger in die Seele des Mannes sich eingenistet hatte und er begann, auf eine Schafgarbe in voller Blüte einzutreten, kam vom Himmel ein mächtiger Blitzschlag herab und von dem Mann blieb nur eine Pflanze mit langen schmalen Blättern übrig und bürstenartigen Fäusten an der Spitze der langen Stängel. Diese langen Blütenstiele des mittleren Wegerichs benutzen die Jungen noch heute, wenn sie Kämpfer spielen – sie versuchen den Blütenkopf des anderen zu treffen, indem sie sie an den Stängeln halten.
*) Sowohl im Estnischen wie auch in anderen nordischen Sprachen enthalten volkstümliche Pflanzenname des Wegerichs den Begriff „Kämpfer“.
 
Zitat:
Ein Bündel von Blüten des Echten Labkrauts am Kopfende des Bettes soll gegen Kinderlosigkeit helfen.
 
    
Übersetzung: Liis und Leonia


 

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