Zweite Oktoberwoche: Jungfräulicher Seele Hochzeitsgesang

Text: Kristel Vilbaste, loodusenaine@hot.ee
Fotos: Arne Ader
 
Herbstliches Pflügen auf den Feldern. In der farbenfrohen Landschaft Vooremaas begleiten Sturmmöwen und Heringsmöwen den Traktor
 
„Kuu-kuu-kuu!“ „Kuu-kuu-kuu!“ tönt es von einem hohen Sandstein-Schrein. Aus der Taevaskoja Neitsikoopast (Jungfern-Höhle) erklingt zarter Gesang eines Vollmond-Anbeters. Der Klang ist volltönend und fesselnd, die Fichten in ihrem Nebelschleier beugen sich zu den Toren der himmlischen Herberge, das stille Murmeln des heiligen Ahja-Flusses fügt sich zu der bezaubernden Stimmung.
 
Die vier Wetterzeichen dieser Woche:
Das Getummel der Meisen,
Kahle Bäume,
Verschwinden der Frösche
und der erste Schnee.
 
Gebannt lauschen wir den Klängen aus der Höhle, ich bin hier schon zig Jahre gewesen und niemals habe ich etwas dergleichen gehört. Wir haben gerade die Ausstellung von Hans Ragnar Mathiesens Holzschnitten von Schamanentrommeln der Samen im Eesti Rahva Muuseum (Estnisches Völkerkundemuseum) in Tartu eröffnet, in den Räumen waren auch die Abreibungen (Frottagen) von den Felszeichnungen des Nordens von Loit Jõekallas ausgestellt, und auf Textilien nach Felszeichnungen interpretierte Arbeiten von Erika Pedaku. Der Same Piera Jovna Somby ließ Joiks* über die vereinten Seelen der Samen und der Rentierherden ertönen. Sind sie uns zur heiligen Stätte unseres Volkes, der Taevaskoda, gefolgt und singen sie nun von unseren Sandsteinfelsen? Oder hat unsere flachshaarige Felsenmaid begonnen, ein neues Stammesbanner zu weben, den ersten begangenen Finn-Ugrier-Tag als Flaggentag zu feiern? Was auch immer der Grund sei, aus der tiefen gelb-rot-weißen Sandsteinhöhle klingt das leiste Klappern von Webrahmen oder vom Schmuck der Mondzeitmonate. Wir stehen schweigend und bezaubert, auf der anderen Seite des Flusses ... und plötzlich erscheint eine graue, winkende Hand auf der Felskante hinter dem Fluss der Seelen. Dann eine weitere. Still, lautlos winkt die Hand erneut, und dann beginn der Klang der Webrahmen erneut. Der Zauber verschwindet für einen Augenblick und der Biologe in mir überwiegt .... Unglaublich, aber in diesem düsteren Herbstgrau feiern zwei Tauben ihre Hochzeit in der Höhle! Die winkenden Hände sind die Flügel des Taubenmännchens, tapfer schlagend bei der Annähung an seine Geliebte. Aber die wissenschaftliche Erklärung des Felsengesanges hier an diesem Ort ist ebenfalls schön.
 
*) Joiks = kehliger nordischer Gesang
 
In Südestland gab es strengen Nachtfrost. Eiskristalle auf geruchloser Kamille
 
Vorzeitliche Stille
Taevaskoda ist schön wie immer im Herbst. Das warme Wasser des Ahja-Flusses hat den Bäumen zum Teil ihre Blätter belassen. Die Eichen haben viele Blätter und sogar Ahornzweige sind mit rot-fingrigen Händen geschmückt. Hoch in den Kronen der hunderjährigen Kiefern zwitschert ein Schwarm Wintergoldhähnchen, wir machen einen Hör-Test – in unserer Gruppe können alle diesen sehr hohen Ton hören. Ein Specht nähert sich schimpfend und gewiss ärgerlich über irgendwen, Meisen huschen ebenfalls vorüber. Sonst hätte sich die Zeit der Seelenstille über den Fluss gelegt, es ist so still, dass wir die Herzschläge untereinander hören können. Nur der Emaläte [Quelle der Mutter] murmelt leise, bringt Wasser für die Augen Heilungsbedürftiger hervor. In diesem Nebel sind die grünen Moospolster fein abgegrenzt, die als weiche Kissen auf den Wurzeln alter Fichten ausgebreitet sind, der Wind hat lange graue Flechtenstreifen aus den Bäumen geschüttelt. Und dann huscht ein schwarzer Blitz über den Stamm der ins Wasser des Flusses gesunkenen Fichte. Hin und her, hin und her – nur mit Mühe ist der geschmeidige Körper eines Nerzes auszumachen.
 
Schützt die heiligen Stätten!
Selbstredend ist es traurig, dass der Naturschutz, der mit dem Schutz der heiligen Stätten begonnen hatte, im Nebel der Reformen Estlands untergeht. Ich kann mich nicht mal aus der Zeit der Sowjets an einen derart schlechten Zustand von Treppen und den Einfriedungen um gefährliche Stellen herum erinnern. Die RMK (Staatliche Forstwirtschaft) hat sicherlich schnell Schilder auf den Brücken errichtet, dass die Stufen rutschig sein können, aber sie haben übersehen, dass die Leute wieder begonnen haben, ihre Namen in die Steinwände zu kratzen. Sogar im Emaläte. Die Maavalla-Leute** sagen dass es Pläne gebe, aus Euro-Fonds eine befestigte Straße zu bauen – das wäre schlicht ein Verbrechen. Taevaskoda benötigt Höhlenschützer, die den Ort respektieren und hüten.
 
**) Näheres zum animistischen Maavalla-Kult: http://www.maavald.ee/eng/
 
Haustaubenpaar auf den Sandsteinfelsen von Taevaskoda
 
Erster Schnee
Die Seelenzeit überzog den Boden in dieser Woche mit dem ersten Frost. In Reola nahe Tartu war es Samstag Nacht minus 3,9 Grad kalt. Aber merkwürdig war, dass von diesem spätherbstlichen Himmel in der letzten Woche noch an vielen Orten Donner rumorte. Während der erste Schnee zunächst nur Westestland traf, erreichten die Lichter des Schnees Südestland am Ende der Woche, an Waldrändern war er nicht einmal am Nachmittag weggeschmolzen. Die Kälte gefror alle zarten Gartenpflanzen zu Glas, die Dahlien sanken herunter und fielen zusammen. Die Schnecken haben sich tiefer in den Boden verkrochen, Schmetterlingsraumpen haben sich aufgerollt und bewegen sich kaum noch. Dennoch sind noch ein paar Nachtfalter in der mondhellen Nacht unterwegs, und sogar ein paar Spinnen huschen noch herum. Der aufregendste Anblick dieser Woche war für mich, als der Kernbeißer – feist wie ein Papagei – kam und in langen Zügen aus Aotäts Rot-Kreuz-Dose trank, die im Garten vergessen worden war. Vögel müssen auch bald ein wenig versorgt werden!
 
Kurzer Tag in schwarzer Nacht
In der Seelenzeit lastet die Schwere der Dunkelheit mehr und mehr auf uns. Die Sonne geht erst um 8 Uhr auf und sinkt bereits um 6 Uhr am Abend. Die kahlen geisterhaften Baumstämme sind ohne das Licht des Schnees bedrückend trostlos. Aber die Seelen der Menschen und der warmblütigen Tiere werden nun sichtbar – im frostigen Morgen steigen sie vor unseren Mündern wie kleine Wolken aufwärts gegen den Himmel und zur Milchstraße. Und von dort kommt reines und klares Schneelicht zurück, eine neue Welt zu schaffen.
 
Mink oder amerikanischer Nerz
 
Taevaskoda-Sage: Neitsikoobas, die Jungfern-Höhle
Man sagt, in der Jungfern-Höhle säße ein wundervoll schöne flachshaarige Jungfrau und webe ein Tuch auf einem goldenen Webrahmen. Man könne sie nicht sehen, aber wenn man sorgfältig lausche, dann dringe das Klappern des Webstuhls aus der Höhle. Nur in der Mittsommernacht zeige sich die Schöne einigen Auserwählten, die das geheime Losungswort wissen und die Farnblume finden können.
Einst soll das Mädchen nähend am Ausgang der Jungfern-Höhle gesehen worden sein, wird erzählt. Die Männer gingen näher heran, woraufhin die Erscheinung verschwand. Als sie in die Höhle kamen, sahen sie in der Mitte einen kleinen Teich mit einem Opferstein. Die Männer bekamen Furcht und flohen, und danach schloss sich die Öffnung der Höhle. Nur ein Blick in die Jungfernhöhle sei erlaubt, eindringen werde einen blind oder verrückt machen. Wie die anderen Taevaskoda-Höhlen ist die Jungfern-Höhle das Reich der Geister.
 
Zitat:
Wenn es sogar im Oktober noch donnert, dann kann man auf einen warmen und langen Herbst hoffen.
 
Übersetzung: Liis und Leonia


 

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