Dritte Oktoberwoche: Der Wind kämmt den Kindern die Haare

Text: Kristel Vilbaste, loodusenaine@hot.ee
Fotos: Arne Ader
 
Morgenlicht in einem Haselnussgehölz
 
Durch die Zweige der Birken heult und jault der Wind raschelnd. Der machtvoll wirbelnde Wind reisst eine weitere Hand voll goldenen Flitter von den haarfeinen Zweigen der Birke. Trägt die Blätter kraftvoll hoch hinauf in das dunkelblaue Gesicht des Herbstes, lässt sie dann zu einem Abschiedstanz zu Boden wirbeln und für einen Augenblick zum goldenen Reigen eines letzten Tages sich drehen, bevor er sie in die Ewigkeit hinsinken lässt.
 
Die vier Wetterzeichen dieser Woche:
Schütter belaubte Birken,
herumhuschende Rebhühner,
dünnschwänzige Füchse
und mondloser Himmel.
 
Die Stille, die zwischen den tobenden Anfällen des Windes herrscht, ist so tief, dass sich Melancholie in die Seele schleicht. Aber dann bringt ein Trio Kohlmeisen Leuchtkraft mit ihren hübschen gelben Bäuchen. Fleißig stöbern sie in den Ritzen der Rinden, wenden die welken Blätterhaufen um, hüpfen von Stein zu Stein — als ob die sie antreibende Energie ihre Anspannung keinen Augenblick abnehmen ließe. Woher nehmen sie diese umhertreibende Energie? Ein Mensch kann jetzt kaum noch eine Harke halten, die Hände sind durch die Kälte klamm und der Wille, Dinge zu erledigen ist zur Lethargie zerronnen. 
Nur die heißen Flammen eines Lagerfeuers geben uns die Kraft, die Natur zu bewundern ... Und, welch ein Wunder, hinter dieser Flamme sehen wir den Seeadler von der Entenjagd am See zurückkehrend, höher und höher im Wind kreisend ... Schwirrend und quirrlig hin und her taucht ein 100-köpfiger Starenschwarm auf, für einen Moment sitzen sie auf den Stromleitungen wie auf den Spielklötzchen der Kinderzeit und dann bloß fort. Eine Möwe wirbelt in einem stürmischen Tanz in die Nischen der nächsten Hagelwolke, eine weitere taucht auf und sogar ein dritter Weißflügel.
 
Ziehender Starenschwarm
 
Nachtblindheit
Jetzt, wo nur noch wenige letzte Gänsescharen in Estland verblieben sind, haben wir mehr Begegnungen mit Hühner- und Krähenvögeln. Es gibt zahlreiche und verschiedenartige Hühnervögel. In der Nähe von Mooren lebende Leute hören jeden Morgen, wie das Moor zu gluckern und zu blubbern beginnt. Der Sonnenaufgang setzt das Blut der Hähne in Wallung und das Gurren dringt aus Sümpfen und Wiesen. Zwar zur falschen Zeit, aber dennoch schön anzuhören. Vor einer Woche, als ich in der beginnenden Dämmerung radelte, sah ich ein Dutzend Rebhühner. Zwei von ihnen waren ganz in unserer Nähe beschäftigt — vielleicht werden sie die anderen auch noch hierher holen. Jedenfalls rief mich Aotäht eines Morgens, während sie aus den Fenster schaute, „was sind das für Vögel?“. Zwei ziemlich nasse und müde Rebhühner scharrten in unserer Hecke herum. Wir holten einen großen Sack Weizen für sie von meinem Bruder — vielleicht können wir ihre „ökonomische Depression“ unterbrechen.
 
Kahler Fuchsschwanz
Das Leben der Hühner in den Städten ist nicht ganz so einfach: überall sind Füchse unterwegs. Sie sind ziemlich räudig und schäbig im Fell, wir sind die Tollwut losgeworden, aber die anderen Bestandsregulierer — Räude und Bandwürmer — tun weiter ihr Werk. Die Füchse sind schon weniger geworden, auf einer Hundertkilometer-Autofahrt waren es nur zwei hellblaue Augenpaare am Straßenrand gewesen. Im Westen soll es mehr Marderhunde geben, in Ostestland sieht man sie fast gar nicht mehr. Aber hier sind die Temperaturen bereits im winterlichen Risiko-Bereich und ein verschlafener Marderhund ist nicht mehr aktiv. Die weißen Kehrseiten der Rothirsche sind allmählich häufiger zu sehen, auch in Westestland grasen vierköpfige Herden auf den sprießenden Getreidefeldern.
 
Die Flügel der Fliege sind bereits deutlich abgenutzt, aber der warme Herbst bietet immer noch Gelegenheit zu Aktivitäten.
 
Jagd in Schutzgebieten
Die Elchjagd wird mit einem derartigen Wahnwitz fortgeführt, dass es deprimierend ist. Und schlimmer noch, während man zu Sowjetzeiten mit dem Finger auf die rote Elite zeigte, die auszog, in Matsalu Schwäne zu schießen, dann besteht der einzige Unterschied jetzt darin, dass die hohen Amtsträger nun in den Schutzgebieten auf Elchjagd gehen ... Die Forstmitarbeiter sagen, dass sich niemand um Schutzzonen oder Naturparks kümmere. Schutzgebiete zum Erhalt der Natur zu errichten, dauerte etwa 40 bis 50 lange Jahre, nun wird dieses Werk in wenigen Jahren zerstört. Tiere haben keine Reviere mehr, das Eis von geschützten Seen ist im Winter vom Eisfischen mit Löchern übersät, es gibt Lagerfeuerplätze an den Ufern, Leute kommen busladungsweise, um in geschützten Mooren Preiselbeeren zu pflücken. Konservierungs-Wirtschaft.
 
Erdbeeren — Himbeeren!
Obwohl viele Pflanzen noch hartnäckig versuchen zu blühen und Uno Rootsmaa schöne rote Walderdbeeren am Võrtsu-See fotografierte — es heißt, sie kämen in ganz Estland vor und sogar Aotäht pflückte zwei schöne rote Himbeeren in Vilusi — kann man immer noch mit Gewissheit sagen, dass der Winter kommt. Jedenfalls brachten die in der letzten Woche eingetroffenen Seidenschwänze mit ihrem glockenhellen Gezwitscher einen Hauch von Winter nach Estland. Und man kann den Winter mit eigenen Augen sehen. Und in die Ferne sehen, den die meisten Bäume sind bereits ziemlich durchsichtig. An den Birken sind nur noch an einigen windgeschützten Zweigbündeln Blätter übrig, die Eschen und Ulmen sind bereits recht kahl. Die Weiden werden gelb und dürr. Die Trauerweiden sind wie die dünnen silbrigen Strähnen eines alten Weibes. Aber zwischen ihnen geht der Tanz der Nachtfalter weiter wie zuvor.
 
Land-Reitgras (Calamagrostis epigelos)
 
Wettergeschichte: Warum soll man in der Dämmerung nicht pfeifen?
In den alten Zeiten gab es bei der Pajuse-Mühle einen Müllerburschen, der immerzu pfiff. Einst pfiff er recht laut in der Abenddämmerung auf dem Mühlendamm und hörte fern vom Wald her jemanden auf sein Pfeifen antworten. Der Bursche pfiff erneut, und wieder antwortete ein Pfiff, aber viel lauter und näher herbei als zuvor. Der Bursche pfiff ein weiteres Mal und erhielt einen Antwortpfiff, der den Boden erzittern ließ. Der Bursche pfiff noch einmal und der Gottseibeiuns stand vor ihm,  eine geschundene Menschenhaut auf seinem Rücken, und fragte: „Was willst Du von mir?“ Der Bursche war so erschrocken, dass er es gerade noch schaffte, vor dem Satan ins Mühleninnere davon zu rennen. Von diesem Zeitpunkt an hat er nie wieder gepfiffen. Und es wird immer gesagt: „Man soll in der Dämmerung nicht pfeifen! Man lädt den Teufel damit ein.“ 
 
Zitat: “Gegen Gelbsucht soll es auch helfen, rohe oder gekochte Karotten zu essen.“Tallinn, 1928.
 
Übersetzung: Liis und Leonia


 

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