Vierte Novemberwoche: Die Augen des Sternenhimmels

Text: Kristel Vilbaste, loodusenaine@hot.ee
Fotos: Arne Ader
 
Niemals zuvor in Estland zu sehen: gelbes Rapsfeld und kahler Wald
 
„Aldebaran! Aldebaran!“ murmle ich, zum rotgoldenen Auge des Stiersternbildes spähend. Eitel ist unser Leben hier auf Erden, der Himmel ist voller strahlender Sterne, ein jeder um ein Vielfaches größer als die Sonne. Zisch, fliegt ein glänzendes Lichtbündel über den Sternenhimmel, schneller als der Wind fällt dieser Stern, ohne mir die Zeit zu lassen, mir etwas zu wünschen.
 
Die vier Wetterzeichen dieser Woche:
Gimpel-Geflöte,
Feiste Marderhunde,
Fallende Fichten
und Sturmböen.
 
Tatsächlich, wenn die Sturmwinde den dicken Wolkenvorhang  beiseite blasen, dann eröffnen sie einen Einblick in die Unendlichkeit. Diese Ewigkeit ist mit winzigen, dennoch großen Augen des Lichtes gefüllt. Die Sterne fordern uns auf, sie zu betrachten, zu bewundern und ihnen gebannt zu folgen. Dieser Aldebaran ist ein Stern mit rötlich-gelbem Glanz im Sternbild Stier, er ist unendlich weit weg – 65 Lichtjahre entfernt und 15mal heller als die Sonne. Der starre Blick dieses orangefarbenen Auges spricht mich auf eine Weise an, die nicht zu begreifen ist. Heute fesselt mich weder das doppelläufige Sternenband der Milchstraße oder das leuchtende Auge des Jupiter. Gerade Aldebaran scheint Sturm in die Seelen der Menschen zu säen, in der Natur und in der Gesellschaft. Sturm — die Böen sind so heftig, dass binnen weniger Augenblicke ein neuer schwarzer Wolkenteppich über die Weite des Himmels rollt und der Himmel seine Augen vor uns verschließt. Stockfinster, im eisigen Jaulen des Herbstes müssen wir den Weg in unsere kleinen warmen Häuser finden. Das zu Hause entfachte Feuer zeichnet die Umrisse der papiernen Schneeflocken nach, die auf das Fenster geklebt sind ... die Erwartung des Schnees findet sich bereits in jeder Seele.
 
Im braunen Falllaub schimmern grüne Blätter des immergrünen Huflattichs (Asarum europaeum)
 
Fichtenfall
Tatsächlich rieselt Schnee nur an wenigen Orten. Die 11 Grad Kälte zum Wochenbeginn ließen ihn sogar eine Weile am Boden liegen. In Ost-Viru gab es sogar eine Schneedecke auf dem Boden, in Zentral-Estland konnte ebenfalls einen kurzen Tag lang ein weißer Grund bewundert werden. Aber dann schmolz die vom Atlantik hereinströmende Tageswärme den Schnee wieder weg und das triefige Wetter überwog. Genau jene Sturmwinde, die über dem warmen Meer entstehen, zerstörten das Weihnachtsgefühl der Menschen. Am Freitag blies der alte Wettergott die in den Hauptstädten von Estland wie auch von Finnland aufgestellten Weihnachtsbäume um.*)  Seltsam, gerade da fuhr ich durch Estland in Richtung Mulgimaa und sah Leute, die sogar Straßenrandgehölze, alte Fichtenbestände, zu schlagen begannen, weil Geld benötigt wird. Während es lange Zeit üblich war, zumindest das übrig zu lassen, was wie ein Wall aus Wald an den Straßen entlang stand, gibt es jetzt keinen Raum mehr für jeden Sinn von Anstand oder Scham. Aber wer sieht es überhaupt, es gibt kaum noch Menschen im Wald.
 
 
Wo sind die Vögel hin?
Auf der gleichen Fahrt durch unsere Heimat spielten wir im Auto ein Spiel: wer sieht ein aufregendes Tier oder einen Vogel? Und das Ergebnis war dürftig. Auf einhundertundfünfzig Kilometern: ein Dutzend Raben, ein Dohlenschwarm, hier und dort räumten Elstern etwas von der Straße, ein Eichelhäher und ein größerer Schwarm Birkenzeisige in einer Erlenkrone. Aber wer will schon seine Flügel im Sturm riskieren? Die Überraschung der Woche waren die Gimpel.  Diese Weihnachtsvögel, die Vorfahren der Weihnachtswichtel, kommen aus den Tundren des Nordens. Sie sind noch nicht bei den Futterhäuschen zu sehen oder an Fliederzweigen, aber ihr Geflöte ertönt aus den Baumkronen. Und es sind nicht wenige. Aber seltsam ist für mich das Fehlen der Drosseln und Stare so früh im Winter. Sie sind einfach nicht hier, und ich habe auch keine Grünfinken gesehen. Vielleicht sind sie gen Süden geflogen, oder haben Plätze in der Nähe der Futterhäuschen belegt. In der gerade wieder eröffneten Winter-Vogelhaus-Kamera von Looduskalender.ee kann man sie sehen.
 
Bussard auf Wachposten
 
Gepflügte Felder und rapsgelb
Die Pflanzenwelt geht nun langsam schlafen. Sogar das berühmte Lärchengehölz von Loodi*) hat fast alle Nadeln fallen lassen. Ungepflügte Felder sind schwarz von verdorrtem Gras. Aber die herbstliche Wärme hält die Rapsfelder noch am Blühen, die Strohballen an den Feldrainen sind grün von sprießenden Keimen und die Storchennester tragen langes grünes Gras. Und Löwenzahn versucht erneut zu blühen. Erstaunlich ist in diesem Jahr die Anzahl der gepflügten Felder in unserem Estland. Von der Europäischen Union unterstützte Fonds sind tatsächlich wirkungsvoll, auch im entlegendsten Walddorf zeigen die Straßen die lehmigen Spuren der vom Feld heimkehrenden Traktoren und die schwarzen Ackerfurchen glänzen in der Sonne. Und seltsam, auch der Giersch ist noch nicht erfroren und versucht, auf einem kleinen Weg zu wachsen, aber die Brennnesseln sind niedergesunken und verdorrt. Deswegen ist der Waldboden wie eine ebene Fläche und ruft danach, begangen zu werden. Die herbstliche Wärme und das Verschwinden höherer Pflanzen lassen auch das Moos wachsen. 
 
*) In Loodi stehen mit die höchsten, noch im Wachsen befindlichen Bäume Estlands von derzeit nicht ganz 45 Metern Höhe.
 
Unendliches Naturkino
Interessanterweise haben wir in den letzten paar Jahren Sessel-Naturliebhaber ebenso entwickelt wie Sessel-Sportler. Und es ist wirklich spannend mit den Naturkameras von Looduskalender.ee in die Tiefen der Wälder zu blicken und zu sehen, was dort geschieht. Es ist in gewisser Weise sogar sinnvoller, als Naturfilme aus Afrika anzuschauen. Die einzige Schwierigkeit ist, dass immer etwas los ist. Aotäht fragte mich eines Tages, als das Abendbrot auf den Tisch kam, während wir auf der Waldkamera Marderhunden zusschauten: „Können wir das nicht anhalten?“ Es ist in dieser Zeit ziemlich kompliziert, einem Kind zu erklären, dass man das Leben nicht anhalten kann und jeder Augenblick spannend ist. Und es ist spannend. Zuzuhören, wie die Marderhundmännchen mürrisch miteinander brummeln. Wie sie, die Umgebung beobachtend, ihre Dreiecksgesichter mit der weißen Einfassung heben, und erwägen, ob die Elster, die gerade ins Gelände einfliegt, wohl Nachricht über eine Gefahr mitbringt. Und wie sie aus irgendeinem unerklärlichen Grund plötzlich in den Wald huschen.
 
Überquellender Brunnen. Endla-Naturschutzgebiet
 
Pflanzengeschichte: Das Löwenzahnband knüpfen
In den alten Zeiten gab es bisweilen Streit zwischen den Menschen und dem Löwenzahn. Unverzüglich, sobald der Mensch für seinen Gemüseanbau ein Stück Land umgegraben hatte, begann der Löwenzahn dort zu blühen und verdrängte bald gänzlich, was der Mensch in den Beeten ausgesät hatte. Verärgerte Leute trampelten die Gelbköpfchen auf den Wegen platt, rissen jede verbliebene Blattrosette aus. Der Schöpfer konnte dieser Feindschaft nicht zuschauen und rief die Parteien zu sich. Es wurde vereinbart, dass der Löwenzahn in der Nähe der Menschen nur recht flach am Boden wachsen solle und als Entschädigung für das Wachsen in Gartenbeeten sollte es den Leuten gestattet sein, leckere Salate aus den Blättern und Blüten zu machen, der Mensch seinerseits solle in manchen Jahren die genutzten Felder brach liegen lassen, wo der Löwenzahn blühen und aussamen dürfe. Diese Vereinbarung wird in jedem Jahr mit einem Blumenband bestätigt – Kinder machen in im Frühling jeden Jahres schöne Kränze und Ketten aus Löwenzahnblüten.
 
Zitat:
Ochsen bindet man an ihren Hörnern, Menschen mit Worten.
 
 
Übersetzung: Liis und Leonia


 

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