Gartenwerklers Tagebuch – Mai

Text und Fotos von: Tiit Kändlerteadus.ee
Übersetzung ins Englische: Liis
Vom Englischen ins Deutsche: Leonia
 
Entdeckung des archäologischen Salvo Gleitschittens
 
Werklers Tagebuch: Mai
 
5. Mai
Der Werkler beschließt, einen Garten-Samstag zu organisieren – so wie er es üblicherweise um diese Zeit des Jahres tut. Die Überflutung des Bodenstreifens entlang des Treppoja-Baches ist zurückgegangen und hinterließ wie in jedem Jahr ein Mahnmal der mit Objekten des Menschen versehenen Natur. Eine Bierflasche, die sich selbst mit Schlamm vollgesogen hatte. Ein Stück einer leider leeren Chips-Packung. Ein Plastikschaum-Klumpen, dringend benötigt, um etwas zu sichern. Stücke eines roten Gleitschlittens, der einst glücklich die Eisflächen entlang glitt, aber sich nun verschämt in den Sand des Baches eingegraben hatte. Wann wurden sie zuletzt verkauft? Sicherlich in der Zeit, in der, wenn nicht viele menschliche Generation, so doch sicherlich mehrere Generationen von Eichhörnchen, Spechten und Gimpel groß wurden. Sollte der Fund, aus Wasser und Schlamm geborgen, dem Estnischen Nationalmuseum, dem Wasserflugzeug-Hafenmuseum angeboten werden, oder am Ende doch nur in den großen blauen Müllsack gesteckt und vor die Tür gehievt werden, um auf den Abtransport zu warten. Der Werkler entscheidet sich für das letztgenannte.
 
6. Mai
Es ist unglaublich, wie schnell Gestrüpp zu unglaublicher Menge anwächst. In den wenigen Jahren, in denen der Werkler nicht die Vogelkirschen und Ebereschen, Ahorne und Himbeeren herausgezogen hat, die sich nun Richtung Himmel recken, haben sie sich bereits in ein stattliches Unterholz verwandelt, den Grabenrand begrenzend und den Gartenzaun. Wann wird ein winziger Möchte-gern-Baum-Spross ein Unterholz werden? Wir wollen den Wald vor lauter Bäumen sehen, aber halten es nicht für Wert, das Unterholz vor lauter Schösslingen zu sehen. Möge das Unterholz Sie erwischen, der Wald auf Sie fallen.
 
May 13
Der Werkler spürt, dass er ein Feuer machen, mit Reisig und Zweigen und den vorjährigen Blättern füttern sollte. Der Rauch aus des Nachbargartens Feuer dringt in seine Nase, obwohl das Feuer nicht innerhalb Sicht- oder Hörweite ist. Die Nase ist stärker als die Augen, seien sie auch scharf, und Ohren, seien sie auch empfindlich.
Aber es ist nichts Neues an diesem Gefühl. Die Analyse verkohlter Knochen und Knochenasche von südafrikanischen Fundstätten legt nahe, dass Homo erectus sich vor Jahrmillionen mit Feuermachen beschäftigte und vielleicht sogar eine Mahlzeit für sich darauf gebacken hatte.
Ein Feuer zu beherrschen löste eine evolutionäre Revolution aus. Dadurch begünstigt konnte klimatischen Veränderungen begegnet werden – als es kälter wurde, war es möglich, sich zu wärmen – und aus der Nahrung konnte mehr notwendiges herausgeholt werden und so konnten mehr Leute gespeist werden. Es kostete weniger Zeit, mehr Energie wurde gewonnen – es war möglich, mehr Kinder zu haben und in der von der Jagd nach Nahrung übrigen Zeit, sich hiermit und damit zu befassen und unser Hirn wachsen zu lassen.
Nach allgemeiner Überzeugung wurde das erste Feuer 400.000 Jahre zuvor gezündet und sowohl vom Neanderthaler als auch vom modernen Menschen. In einer Höhle in der nördlichen Kap-Provinz gefundene fossile Knochen erzählen, dass sie auf über 400 Grad Celsius erhitzt worden sind. Die Knochen wurden in einer Tiefe von 30 Metern in der Höhle gefunden, was nahelegt, dass sie begraben wurden. Sogar 1,7 Millionen Jahre alte verbrannte Knochenstücke wurden gefunden.
Daher können Hominiden das Feuer vor dem modernen Menschen entdeckt haben. Eine hässliche Geschichte, Wenn sie das Feuer nicht entdeckt hätten, müssten wir nun keine Feuer anmachen oder die Häuser beheizen oder Geld dafür verschwenden. Mehr noch – wir hätten keine Häuser und noch nicht mal Facebook. Wir wären nicht wir. Wir besäßen nicht unsere Gärten.
Nach diesen Überlegungen war der Abend gekommen und hatte keine Kraft mehr zum Feuermachen übrig gelassen.
 
18. Mai
Das Eichhörnchen kommt und schaut auf den hinter seinem Rechner sitzenden Werkler hinter dem Fensterglas. Wo sind die Nüsse, die noch gestern im Futterspender gewesen waren? Der Specht fliegt ein und wiederholt des Eichhörnchens verlangenden Blick. Dann kommt der Gimpel: wo sind die Samen? Wie ihnen erklären, dass es Mai ist, die große Vogelkirsche steht in voller Blüte. Aber eigentlich ist es nicht so und außerhalb des Fensters regiert ein immerwährender Herbst. Aber der Herbst mag sich brüsten, dem Frühling gelingt es doch sich durchzudrängeln. Wie alt ist die Kraft der Garten-Geschöpfe, ihren Willen durchzusetzen, bei welchem Wetter auch immer, eisiger oder heißer? Je länger man schaut, desto älter werden die Gartenbewohner.

In der Tat, je mehr sich die Gen-Technologie entwickelt, je älter werden die Arten. So zeigen zum Beispiel neue genetische Analysen, dass Eisbären sich von ihren nächsten Verwandten vor 600.000 Jahren abgespalten hatten. Damit sind sie fünfmal älter als bislang angenommen. Die Eisbären hatten mehr Zeit, sich an die arktischen Bedingungen anzupassen, als bislang geglaubt. Zu der Zeit, als die Eisbären sich abspalteten, trat die kälteste Zeit des Pleistozäns auf, die den Eisbären den evolutionären Schub gegeben haben mag, sich in das Wesen zu verwandeln, dass wir heute kennen – und das wir versuchen zu schützen. Warum schützen wir den Eisbären und nicht den Vor-Eisbären?



 

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