Erste Juni-Woche: Nebeldecke über goldenem Feld

Verfasst von Kristel Vilbasteloodusenaine@hot.ee
Fotos von Arne Ader
 
Die kühle Sommernacht ließ Nebel aus den Wiesen steigen. Der Bock labt sich an jungen Mädesüß-Blättern
 
Die Nacht des Mittsommermonats ist traumhaft. Wenn ein Nebenschleier aus dem regennassen Boden aufsteigt, geheimnisvolle Einfassung von den Flussufern bis zu den Wiesen und Feldern. Und in dieser unerklärlichen Nacht will die Sonne einfach nicht hinter dem Horizont verschwinden. Die Abenddämmerung glüht und der Morgen funkelt.
 
Die vier Wetterzeichen dieser Woche:
herausschauen des Rehkitzes,
die weißen Blütenaugen des Leimkrauts,
Libellen-Hubschrauber-Flüge,
und Nebeldecken auf dem Boden.
 
Mein schönster Augenblick dieser Woche war irgendwo in der Mitte Estlands, als die Sonne schon etwas müde zum Abschied winkte und die Nebelschlange auf den Põltsamaa-Fluss hinausfloss. Schlich leise über die grasgrüne Wiese und fiel wie eine Mütze auf die Köpfe des goldgelben Rapsfeldes. Das Farbenspiel jenes Augenblicks ist nicht mit Worten zu beschreiben, aber das goldgelbe Feld und der fahlblaue Dunst gestalteten ein Farbbild, dass nicht einmal ein Künstler auf seine Leinwand bringen könnte – ein solches Bild können nur die Murueit und ihre Töchter in die estnische Mittsommermonatsluft malen.*

*) Lt. http://de.wikipedia.org/wiki/Estnische_Mythologie ist die Murueit ein weiblicher Wald- und Erdgeist mit Verbindung zum Land des Todes
 
Aber in diesem Nebel befinden sich Dinge, die das Auge nicht sehen soll – das kleine Rehkitz guckt am Waldrand und verlangt nach seiner Mutter. Das Hasenjunge ängstigt sich vor den lauten Rufen des Wachtelkönigs. Und an Wachtelkönigen ist dort nicht nur einer, sondern ein zweiter dort und ein dritter dort drüben, manchmal fünf bis sechs auf einem Johannifeld. Das Schlagen der Nachtigall ist lauter als das, so laut, dass man sogar beim Autofahren entlang der noch staubigen Straßen „Öö pikk, öö pikk! Aega küll, aega küll...“  [„Nacht lang, Nacht lang! Zeit genug! Zeit genug!...“] hören kann. Wenn die Sonne sinkt und der Himmel ein wenig dunkler wird, gerade so als seien rubinrote Perlen über die Landstraße ausgegossen, ruhen sich die Ziegenmelker von ihren Hochzeitsflügen in der Mitte der Straße aus.
 
Neuntöter bei der Balz
 
Zwitscherndes Dutzend
Ich habe die ganze Woche beobachtet, wie die Meisenfamilie vor meinem Fenster ihre erste Woche in der Welt erlebte. Das müde aber glückliche Aussehen der Eltern versichert, dass mit den Jungen alles in Ordnung ist. Ich möchte nicht hingehen und den Deckel des Nistkastens anheben und stören, um zu sehen, wieviele sie sind, aber nach den Stimmen zu urteilen, scheint es als ob mindestens ein Dutzend kleine Meisenjungen und -mädchen in dem kleinen Bretterhaus sind. Am Wochenbeginn war zartes und hilfloses nach Futter rufen nur zu hören, wenn ein Elternteil mit einem Schnabel voller Würmer kam. Aber nun ist ein ständiges und die anderen übertreffendes Zwitschern zu jeder Stunde im Nistkasten zu hören. Und wenn die Eltern anfangs nur einer nach dem anderen kamen, versuchen sie nun zur gleichen Zeit dort zu sein, damit nicht irgendein Kerlchen vor allen anderen alles schnappt, die Eltern füllen alle Schnäbel gleichzeitig. Bisweilen wirbeln die Meisen so schnell herum, dass nur Minuten zwischen den Happen liegen. Auch wenn es für die Küken kühl ist, so scheint zum Glück rund herum genug Futter vorhanden zu sein. 
 
Krähe im Apfelbaum
Aus Pärnumaa berichtet Kaja Kübar, dass Weißstorchenküken geschlüpft sind. Und das die Starenjungen sehr bald aus dem Nest ausfliegen werden. Der Star des Karujärve-Hofes hat in diesem Jahr den Ruf des Wachtelkönigs gelernt, ergänzend zum Hennengegacker. In diesem Jahr kann man deutlich mehr Wachtelkönige hören, wir müssen hoffen, dass die erste Mahd, die bereits begonnen hat, nicht ihr Nestglück beendet. Hier in Tartu scheint es, dass die Bachstelzen ebenso wie die Steinschmätzer bereits geschlüpfte Junge haben, weil die Schnäbel der Eltern voller Futter sind. Der Wendehals hat sein Flöten beendet, vermutlich hat auch er sein Nest gemacht. Die Schreckenszeit im Vogelleben jeden Frühjahrs hat begonnen – die Krähenjungen, deren Nester zu nahe an menschliche Umgebung geraten sind, müssen beschützt werden und so geraten die Köpfe der Menschen und die Flugwege der Krähen überkreuz. Die Sperlingsküken betteln fleißig nach Futter bei den Eltern am Morgen nach einer kalten Nacht.
 
Vogeljunge kommen aus den Nestern. Junge Wacholderdrossel
 
Blau von Vergiss-mein-nicht
Die Eberesche blüht und trägt in diesem Jahr wirklich viele Blüten. Sogar die Esche hat endlich ihre Blätterbüschel herausgestreckt. Der Ahorn rötet sich wie je, einige Blätter ebenso wie die kleinen Ahornknospen an den Trieben sind rot. Hahnenfuß, Vergiss-mein-nicht blühen, die Gräser haben Ähren angesetzt und beginnen zu blühen. Die Farnblätter haben sich über Grashöhe erhoben, die bis zum Knie reicht. Sogar die Margaritenknospen zeigen sich in der Wiese zwischen dem Löwenzahn. Die Steinfrüchte haben schlechte Zeiten im Garten, wie im vergangenen Jahr die Kirschen eingingen, so ist in diesem Jahr die Reihe an den Pflaumen. Vermutlich haben die Frostschäden des letzten Winters die Bäume so sehr geschwächt, dass Schädlinge sie leichter befallen können.
 
Libellen-Flughafen geöffnet
Die enorme Flut an Insekten geht in diesem Jahr weiter. Die Mücken schwächeln ein wenig nach dem kalten Wetter, einige von ihnen gingen in dem Hagel und den Regengüssen der vergangenen Woche ein. Auch Schnaken sind jetzt aktiv, die noch nicht abgehärteten Beine der Gartenbesitzer wurden ziemlich blutig gekratzt. Es gibt relativ wenige Schmetterlinge, hauptsächlich Rapsweißlinge und Kohlweißlinge, die fleißig versuchen, an Feldrändern Eier zu legen. Schwalbenschwänze scheinen begonnen haben, Estland so sehr zu lieben, dass man sie nahezu jeden Tag sehen kann. Diejenigen, die an den Teichen dem Konzert der Grasfrösche lauschen, haben sicherlich nicht übersehen, dass sich die Luft mit Libellen füllt, die Imagos kriechen aus dem Gewässer und in einem Augenblick flattert der Flieger vom Calmusblatt in den Himmel.
 
Heidelbeeren blühen
 
ZITAT:
Ein verheirateter Mann hat in der Samstagnacht drei warme Dinge – Sauna, Grütze und Frau. Saaremaa
 
Empfehlung:
Die Juni-Saune ist gut zur Pflege Ihrer schmerzenden Stellen. In Estland ist die Sauna seit langem der Ort, an dem schmerzende Muskeln behandelt wurden. Gefragte Masseure waren diejenigen, die einen Heer-Wurm mit ihren Händen geteilt hatten*. Der Leidende wurde bäuchlings oder seitlich auf die heiße Saunabank gelegt, am einfachsten wurde der Leidende zunächst mit Seife eingerieben, aber Gänse- oder Frettchenfett wurde ebenfalls verwendet, oder Schweinskopfschmalz. Bei der Saunabehandlung wurden Nackensehnen oder eingeklemmte Rückensehnen mit der Hand geknetet, aber darüber streichen mit der Hand oder reiben mit den Fingerknöcheln funktioniert auch.

*) siehe vergangene Woche
 
Estlands Quellen: Turje Kellerquelle
Eine der seltsamsten Höhlenquellen ist in Harjumaa, in der Gemeinde Kuusalu, Im Dorf Uuri nahe der Straße Kuusalu-Leisi. Über die Zeiten hat das aus Rissen im Grund strömende Wasser eine Höhle geformt, die aus der Ferne wie ein großes Kellergewölbe aussieht. Die Höhle hat ihren Namen von der auf der Klippe lebenden Familie Turje. Die Breite der Höhle beträgt 18 Meter, Höhe 5,40 Meter, Tiefe 6,5 Meter. Die aus der Wand auf der Rückseite rieselnden Quellen erzeugen in wasserreichen Zeiten einen Strom, der beim Sturz aus 5 Metern Höhe einen schönen Wasserfall ergibt. Der Wasserfall ist ungewöhnlich, da er einer der wenigen auf Sandstein ist. Volkssagen erzählen vom Turje-Keller, es sei des Teufels Weinkeller gewesen. Statt Wasser floss Geistiges aus der Wand und wurde von wundervoll schönen Hexenmädchen verkauft. Von dieser Weinquelle her rührt auch die Legende vom Streit zwischen Kalevipoeg und dem Teufel, wo der Igel seine legendären weisen Worte im Kampf mitteilte: „Hochkant! Immer hochkant!”


Übersetzung: Liis und Leonia


 

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