Vogelbeobachters Tagebuch — Vor-Mittsommernachtszeit

Vogelbeobachter: Margus Otslinnuvaatleja.ee
Übersetzung ins Englische: Liis
Vom Englischen ins Deutsche: Leonia
 
21. Juni
Nach etlichen Tagen kam ich endlich wieder weg zu einer Tour. Ich hatte mir den Rücken verhoben und kam einfach nicht auf die Beine. Zum Glück war das Wetter zwischenzeitlich eher schlecht (regnerisch und windig) und man hatte keinen besonderen Drang nach draußen. Aber jetzt schien endlich eine ruhige und klare Nacht zu kommen und ich richtete mich Richtung Virumaa. Mögliche Reviere des Bartkauzes (Strix nebulosa) mussten überprüft werden. Dieses seltene Geschöpf wurde in diesem Jahr nur zweimal in Estland gesehen – im Februar wurde ein Vogel in der Nähe von Kohtla-Järve von einem Auto überfahren und im Juni verirrte sich ein Vogel ins Blickfeld der Bärbeobachtungskamera in Ost-Virumaa. Ich habe diese Art in Estland dreimal gesehen und jedes Mal saß der Vogel auf einem Baumstumpf auf der Suche nach Beute in einem Kahlschlagsareal. Jetzt durchkämmt ich ebenfalls in der Nacht die Schläge eines großen Gebietes, aber diesmal traf ich nicht auf den „Großen Grauen“.
Neben anderen Vögeln waren Waldschnepfen (Scolopax rusticola) auffällig aktiv. Sie flogen überall in den Schlägen und an Waldrändern herum, insgesamt sicherlich deutlich mehr als 50 Vögel. Etwas überraschend war die Zahl der Wachtelkönige (Crex crex) in den Schlagarealen. Diese Art lebt in den Kahlschlägen großer Forstgebiete, aber fast 25 Vögel „krexten“ auf bereits ziemlich zugewachsenen Kahlschlägen, wo es wenig offenen Raum gab. Aber die Nachfrage bei sachkundigeren Leuten ergab, dass ein Teil der Wachtelkönige tatsächlich in solch vergleichsweise dichtem Dickicht lebt. Wieder einmal klüger geworden. Das aufregendste Wesen, dass ich während der Nacht traf war ein Auerhahn (Tetrao urogallus) – ein Hahn stand mitten auf der Straße am frühen Morgen und weigerte sich zu weichen. Leider war es noch ziemlich dunkel und ein Bild im Autoscheinwerferlicht gelang nicht.
Achtung! Die Sommertage der Estnischen Ornithologischen Gesellschaft (EOÜ) finden bereits am kommenden Wochenende in Tartumaa in Rannu statt (30. Juni – 1. Juli). Genauere Information auf der EOÜ-Homepage. Die letzte Möglichkeit sich anzumelden ist am Sonntag, den 24. Juni.
 
22. Juni
Es wurde bereits früher erwähnt, dass man in der Umgebung von Tartu weißsternige Blaukehlchen (Luscinia svecica cyanecula) an drei Stellen hat singen hören. Dieses Blaukehlchen mit dem weißen Brustfleck, das hauptsächlich im Weidendickicht von Feuchtwiesen nistet, ist so selten geworden, dass es nicht einmal in jedem Jahr gesichtet wird. Das rotsternige Blaukehlchen (Luscinia svecica svecica) ist jedoch ein häufiger Besucher auf dem Durchzug. Seit dem Frühjahr wurde ein Paar weißsternige Blaukehlchen bei Raadi in Tartu beobachtet, aber vor einer Woche wurden gute Fotos von einem Vogel gemacht und und es zeigte sich, dass wir es mit einem Vogel mit rotem Brustfleck zu tun hatten. Heute versuchten wir, der Sache genauer auf den Grund zu gehen, wir hofften das seltene Exemplar zu erwischen. Überraschenderweise kam als erster Vogel ein weißsterniges Blaukehlchenmännchen ins Netz, danach fingen wir auch ein Männchen mit dem roten Brustfleck. Weibchen wurden in der Region überhaupt nicht gesehen und es kam die Frage auf, ob vorher ebenfalls zwei verschiedene Männchen beobachtet wurde (kein Paar). Am fraglichsten aber war es jedoch, zu welcher Unterart die Vögel gehörten. Jüngeren Studien zufolge gibt es Individuen mit rotem Brustfleck auch unter den weißsternigen Blaukehlchen, was die Bestimmung der Unterarten sehr schwierig macht. Die heutigen Vögel wurden sorgfältig fotografiert (und gleich auch beringt und umgehend frei gelassen), was hoffentlich bald Licht in die Angelegenheit bringen wird. Irgendwann in der Zukunft wird das Bestimmungsproblem mit Fotos genauer diskutiert werden.
 
In Estland wurde die erste Kleinralle (oder kleines Sumpfhuhn) beringt (22.06.2012 Aardla Polder)
 
In diesem Jahr wollen wir versuchen, einige gründlichere Vogelzählungen im Aardla Polder in der Nähe von Tartu durchzuführen. Obwohl es im Frühjahr vergleichsweise wenig Wasser im Gebiet gab und Wasservögel auf dem Zug nicht in besonders großem Umfang rasteten, brachte die Brutperiode viele Überraschungen. Im Laufe der Jahre wurden in dem Gebiet viele Rallen (Rallidae-Familie) gehört. Insgesamt 17 Individuen (14 Weibchen und 3 Männchen) des kleinen Sumpfhuhns oder Kleinralle (Porzana parva), das in Estland verhältnismäßig selten ist, wurden auf den Ropka-Ihaste-Wiesen und im Aardla Polder gesehen. Heute gelang es uns, 3 Weibchen und ein Männchen an einer Stelle zu identifizieren. Es gelang uns auch, ein Weibchen zu beringen. Wenn ich mich recht erinnere, ist es die erste Kleinralle, die in Estland beringt wurde.


 

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