Letzte Juni-Woche: Tauperlen auf Frauenmantel

Verfasst von Kristel Vilbasteloodusenaine@hot.ee
Fotos von Arne Ader
 
Die Zeit nebeliger Sommermorgen hat begonnen
 
Die Wärme der Morgensonne steigt langsam. Der Gartenboden, der beim darüberlaufen eiskalt zu sein scheint, atmet die Wärme des gestrigen Tages an den sandigen Stellen. Die Rispengraswiese ist schneidend kalt, im Weißklee werden sogar die Knöchel nass und der Frauenmantel ist voller Perlen – in jedem Blatttrichter eine kleine Sonne.
 
Die vier Wetter-Zeichen dieser Woche:
Marderhundwelpen auf der Straße,
Herbstsignale vom Weidenröschen,
zirpende Grillen
und taufrische Wiesen.
 
In diesem Jahr begann die Morgentauperiode ungewöhnlich früh, bereits am Sieben-Brüder-Tag. Meist kommt diese Zeit zum Sommerhöhepunkt, so um den Karusepäev [14. Juli]. Aber Regen vom Gegenwert mehrer Menschen rauschte nieder und die Erdmutter hat ihr Gesicht so getränkt, dass die tiefer liegenden Orte nicht einmal gegen Mittag trocken werden. Umso überraschender, dass die Mückenschwärme so unerwartet verschwanden, aber vermutlich hat die Kälte ihren Anteil daran. Tatsächlich war bis jetzt in dem Sommer meist eine Jacke beim Rausgehen notwendig, ernstliche Sonnengrilltage gab es nur eine Handvoll. Aber das Wasser ist ein von Gott gesandtes Geschenk für Pilze und weil die Champignons in meiner Gartenecke bereits ihre Köpfe herausgesteckt haben, ging ich am letzten Freitag zu meiner Pfifferling-Stelle. Die erste Überraschung war natürlich, das als Ergebnis des ständigen Sägengejaules während Frühjahr und Sommer der größere Teil des Waldes zusammen mit den Maschinen über die Straßen verschwunden ist. Aber die Pfifferlinge waren dort in einer kleinen Fichtenschonung. So winzig, kaum für das Auge erkennbar. Solche, über die Pilzkenner Erast Parmasto zu sagen pflegte, dies sind Pilzkinder, lasst sie in den Wäldern! Nun, einige größere wanderten in unseren Familien-Pilzkorb, dazu eine Birkenrotkappe und ein Sandröhrling und das war alles. Aber der alte Waldvater wollte uns nicht gänzlich ohne Ernte ziehen lassen. Auf dem Weg zurück bemerkte Mikk einen Baumstumpf voller Pilze, offenbar Stockschwämmchen. Aber nur vermutlich, denn es war dafür zu früh. Und die Regel bei Pilzen ist – besser Vorsicht als Nachsicht. Aber Mikk verbarg ein Käppchen im Korb und las mir zu Hause aus dem Buch vor: „Stockschwämmchen – Kappe honiggelb in der Mitte, an den Rändern dunkler, guter Speisepilz, muss nicht gekocht werden...“ und machte kehrt zu den Pilzen. Glauben Sie mir, eine Pfanne mit Stockschwämmchen mit Ei gebraten und frischem Dill und Zwiebeln und Erdbeerscheiben ist erstaunlich lecker.
 
Der Seeadler hat ein Kormoranjunges als Beute genommen
 
Wiesenrautendunst
Die Nach-Mittsommerzeit war eine spannende Zeit in der Pflanzenwelt, nach und nach begannen all die duftenden Betörer zu blühen – auf altem Bauerngrund bezirzt der Giersch mit Honigsüße, in der Nacht die zweiblättrige Waldhyazinthe. Die Pfeifenstrauchblüten sind süßer als Erdbeeren und die Bibernellrosensträucher, die bereits dazu neigen, Blütenblätter zu verlieren, locken einen, an ihnen zu schnuppern bevor sie verwelken. Alle Margeritenartigen blühen ebenfalls – Kamille, Margeriten, Ackerhundskamille und Färberkamille. Der rosa Dunst der akeleiblättrigen Wiesenraute füllt die Straßenränder. Das Rohrglanzgras ist höher als mein Kopf, die weißen Kallablüten der Sumpfdrachenwurz schimmern in der Abenddämmerung von den Grabenrändern. Die Binsen haben grünlich-braune Trommelstöcke und die gelben Kugeln der gelben Teichrose schaukeln auf dem Wasser des Flusses. Meine Lieblingsblume, der Gamander-Ehrenpreis blüht noch immer, die Fingerkräuter stecken in einer Duftwolke, das Silberfingerkraut ist in diesem Jahr sehr üppig.
 
Saison für eingelegte Gurken
In den Gärten ist die Erdbeersause in Gang und die Rispenbüschel der roten Johannisbeeren leuchten rötlich. Wilde Erdbeeren sind in diesem Jahr weniger und sie werden mit erschreckendem Tempo von den Schnecken vernascht, die in diesem Jahr sehr gedeihen. Himbeeren scheinen in großen Mengen in den Gärten wie auch im Wald zu werden. Moltebeeren jedoch werden örtlich eher dürftiger sein. Rüben können bereits geknabbert werden und Frühbeet-Gärtner können bald Erbsen und Kartoffeln ernten. Am Peipussee ist das Kilo Gurken bis auf 1,80 Euro gefallen – ja, wir leben in einer reichen Zeit, noch vor zwei Jahren konnte man ein Kilo Gurken für 3 Kronen oder 20 Cent haben. Der See selbst zeigt ständig Sturmwellen und ist manchmal sogar 19 Grad warm. Die Mutigeren gehen schon schwimmen. Zecken sind schon im Gras, seid aufmerksam!
 
Die Sommerhitze ist endlich da. Die Feldwespe fächelt ihre Flügel, um die Brut zu kühlen
 
Adlerrestaurant auf der Kormoraninsel
Der größte Teil der Vögel beginnt bereits mit seiner zweiten Brut. Sogar unsere Meise war hier, den Nistkasten zu prüfen. Auch hört man örtlich noch immer den Kuckuck rufen. Auch die Schwalben haben ihr erstes Gelege aus dem Haus. Aber es ist traurig, Kiebitzpaare verstört auf kahlgemähten Feldern stehen zu sehen, hier und dort schreit der Wachtelkönig herzzerreißend um seine zerhäckselten Jungen. Die estnischen Mähdrescher kommen zu früh auf die Felder. Aber in Zeiten finanzieller Krisen ist es fantastisch zu hören, dass das Ministerium für Umwelt sich in Zukunft Gelder aus dem Budget zum Kormoran-Eier-Ölen sparen kann, und statt dessen in den Adler-Nestbau stecken kann – die Adler haben entschieden, das Kormoran-Management selbst zu übernehmen, Leho Aaslaid schreibt aus Hiiumaa: „in der Käina-Bucht schlemmen 43 (in Worten: dreiundvierzig) Seeadler in einer Kormoran-Kolonie.“
 
Gottes gestreifte Finger
Immer weniger Vogelgesang verbleibt mit jedem Tag in der Natur, und so manches Menschenkind hat immer größeren Drang, Töne von sich zu geben. Manchmal ist deren Ausdruck ziemlich bizarr, letzte Freitag gaben die örtlichen Behörden Tartus jungen Möchte-gern-Männern die Erlaubnis, Gummireifen qualmen und Motoren auf dem Raadi-Flugplatz kreischen zu lassen, genau neben dem zukünftigen ERM, so dass der Gummigestank wie Nebel über Tartu lag. Um so befremdlicher scheint da die einmalige Information der Umweltschutzinspektion über eine enome Geldstrafe für einen Mann zu sein, der sein Sofa in seinem Garten verbrannte. Die Rennfahrer emittierten ein Vielfaches an Krebserregern in die Luft als der unglückliche Brandstifter. Jedoch war alles gesetzlich, wie die Polizei behauptet. Aber der Mensch kann auch Schönes gestalten: auf dem Viia-Jaani Hoflabyrinth-Musikfestival am Wochenende machten Raho Langseps Flöte und Aivar Täps' Kristallklangschalen eine so schöne Musik, dass zwischen den Wolken die Strahlen von „Gottes Fingern“ sich mit beiden Händen in Richtung Erde ausstreckten. Und nicht die üblichen Sonnengarben, sondern gestreift in einem außerordentlichen Farbenspiel!
 
Waldhyazinthe blühend
 
ZITAT:
Am Heumarietag wird Hefe in die See geschüttet. Kirbla
Am Heumarietag, 2. Juli, waschen Mädchen ihre Hände und Wangen mit der Milch kleiner Sonnenblumen, um die Sonnenbräune von Händen und Wangen zu entfernen. Einige sollen ihre Wangen mit frischer Milch gewaschen haben, um sehr weiße und schöne Wangen zu erhalten. Ein gesundes Aussehen kann man auch erhalten, wenn man das Gesicht mit Tautropfen aus den Blatttrichtern des Frauenmantels wäscht.
 
Estlands Quellen: Viimsi Rauaallikas (Eisenquelle von Viimsi)
In der Mitte der Halbinsel Viimsi erhebt sich ein dreieckiges Kalksteinplateau – Lubjamägi (Kreideberg). Die Höhlen in seiner nordöstlichen Ecke sind bekannt als die Kuradi-, Röövli- oder Hundihöhlen (Teufels-, Räuber- oder Wolfshöhlen). Wahrscheinlich wurden sie ausgegraben als Verteidigungsmittel im Livländischen oder großen Nordischen Krieg. Die Legende besagt, das Graf Buxhoewden dort von Schiffen geraubtes Gut lagerte. Die Höhlen wurden durch eiserne Tore geschützt. Unter den Höhlen am Fuß der Klippe fließt die Viimsi Rauaallikas, die Eisenquelle von Viimsi. Im Zentrum der Quelle ist das Wasser 10 Zentimeter hoch und sehr reich an Eisen. Das Wasser aus der Quelle soll als Heilwasser in örtlichen Bädern verwendet worden sein, das Wasser wurde für sehr heilkräftig gehalten. Dank der Quelle wurde die Höhle zum romantischen Touristenziel während der Herrenhausära, wo auch in der Nacht Rituale abgehalten wurden. Den verbreiteten Sagen nach wurden rund um die Höhlen des Nachts Geister gesehen, die sich in bläulichem Licht bewegten, die Geister stießen markerschütternde Schreie aus.
 


 

Übersetzung: Liis und Leonia



 

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