Zweite Juli-Woche: warmes Getröpfel

Verfasst von Kristel Vilbasteloodusenaine@hot.ee

Fotos von Arne Ader
 
In den Auen blüht das Mädesüß. Pedja-Fluss.
 
Vor dem Hintergrund eines leichten morgendlichen Nieselregens ruft nur ein einzelner Zilpzalp aus dem Wald, die Goldammer singt einmal Beethovens Fünfte und dann Stille. Die Hochsommerstille, bei der man sogar den perlenden Klang der von einem Espenblatt zum anderen fallenden Regentropfen hören kann.
 
Die vier Wetterzeichen dieser Woche:
Ende des Mückenzirkus',
goldene Säulen der Königskerze,
rote Moltebeeren-Gesichter
und Blitzpfeile hinunter zum Boden.
 
Der Wind stemmt sich leise gegen die Fenster des alten Bauernhauses, mich weckt das leise Klirren des Fensterglases im Wind. Das Wetter ist mild und warm, aber der graue Himmel reicht bis hinunter zum Grund. Die Bachstelze schaut argwöhnisch nach der Fremden, die zum Waschen zum Teich eilt. Im Brennholzstapel wartet ihr diesjähriges zweites Gelege auf einen Schnabelvoll. Die Fremde kam mit dem Auto an, die Öffnungen der Radkappen sind voller leckerer Insekten, die Bachstelze genießt hier diese luxuriöse Mahlzeit. Hoch über meinem Kopf öffnet ein Gimpel verschlafen den Schnabel. Es klingt überhaupt nicht nach einem Flötentriller, eher nach dem verschlafenen Gähnen eines verschlafenen Vogels. Der Pfad zum Teich ist nass vom Tau, meine Zehen frieren sogar ein wenig, aber das warme Wasser des Teiches ist ihnen wieder ein sommerliches Streicheln. Auf der Wasseroberfläche paddeln zwei gewöhnliche Wasserbienen weiter weg, eine handvoll weichen Quellwassers in mein Gesicht und der Friede des Teiches ist gestört. Die Teichbinse neigt ihre bereits braun gefärbten Köpfchen über das Wasser, in der Morgenfrühe sitzt dort noch keine Libelle. Der Wiesenkerbel ist bereits gelb und seine Samen bereit sich auf den Boden zu verstreuen. Die wie Eisenstangen stehende hohe Wand des gewöhnlichen Knäuelgrases ist zu seinen Füßen voll von lauter Schönem und Duftendem – Wiesenlabkraut, Vergiss-mein-nicht, Nelken und Hahnenfuß. Die Farben haben sich im rostroten Busen der Wiese ins Verborgene geschlichen. Dann bricht das Gewitter los. Nur ein leiser Donnerseufzer und Regen rinnt zum Boden, fällt herunter wie eine weiße Wand, so dicht, dass es die Füße schneller scheucht als der Wind.
 
Der Weißstorch pickt Grillen aus dem Heu
 
Wasser und Gewitter
Das eindrucksvollste Wettererlebnis der vergangenen Woche war Gewitter. Es grollte und blitzte. Ließ die Leute wieder einmal an die Notwendigkeit eines Blitzableiters denken. In Tartu war das Gewitter so heftig, dass es mich in einer Nacht dazu brachte, alle meine Leitungen von der Wand zu trennen. Nur für den Fall. Aber die Gewitterereignisse brachten auch kübelweise Regenwasser. Regen, der alle lehmigen Wiesen in Wackelpudding verwandelte, so dass die aufgerollten Heuballen für die Bauern kaum zu holen waren. Und auch auf den Straßen der Stadt Pfützenseen, in diesem Jahr haben Regenschirme die Gelegenheit sich in der Stadtlandschaft zu präsentieren.
 
Sirrrrr!
Vogelgesang ist tatsächlich sehr selten, nur die Grasmücken erheben glücklich ihre Stimme, die Feldschwirle in der Wiese im Wettbewerb mit den Grillen. Kraniche sind auf den Feldern aufgetaucht, Weißstörche machen Flugversuche. Unsere Elsternfamilie ist noch nicht aus dem Nest gekrochen, aber dass die Familie rasant wächst, zeigt die Menge an Erdbeeren, die zum Nest gebracht wird. Seltsam, üblicherweise mögen Elstern gehaltvollere Nahrung. Die Spatzenfamilien sind in den Garten zurückgekehrt und sind ständig in meinen Gartenbeeten am Sonnenbaden. Sobald der Boden im Zwiebelbeet trocknet, unternehmen sie ihre Sandrituale, das Beet ist voller kleiner Mulden. Ich bin mehr darüber verärgert, dass sie den Torf unter meinem Blaubeerbusch in eine Torfwaschanstalt umfunktioniert haben, die Wurzeln der Heidelbeere liegen jeden Abend bloß.
 
Der Sumpfporst ist verblüht, an der Spitze des Stängels entwickeln sich die bräunlich-violetten Kapseln
 
Stiller Tod geschützter Wälder
Einmal mehr sind die in die Wälder ausschwärmenden Heidelbeer-Pflücker alarmiert vom Verschwinden der Wälder. Die Wälder verschwinden auf dem Rücken der gewaltigen Stahlrosse, und seit kurzem vor allem auch aus den geschützten Wäldern. Leute in Kolga erzählen, wie in ihrem Bereich in den Staatsforsten Lahemaas große Kahlschläge gähnen, nur wenige Einschläge dienen dem Auslichten. Menschen, die während der Sowjetzeit sicher neben den mächtigen Kiefern wohnten, denken ans Wegziehen. Sind unsere Wälder tatsächlich ganz plötzlich so krank – große Kahlschläge können legal doch letztlich nur im Fall von Krankheit unternommen werden?
 
ZITAT:
Büffelbeere, Lindenblüten, Ahornblüten, Kümmelsamen – sie werden für Tee verwendet.
 
Empfehlung:
Jetzt ist die Zeit, Lindenblüten zu pflücken. Die Blüten sollten von den gewöhnlichen Linden in der Nähe alter Bauernhäuser gepflückt werden, die Blüten der großblättrigen Linden in den Städten sind voller städtischer Abgase und bringen eher Schaden als Nutzen. Lindenblütentee ist besonders gut gegen Erkältungskrankheiten, er wird als schweißtreibender Tee eingesetzt. Die Leute von früher glaubten, dass es gut sei, Lindenblütentee zu trinken, aber man sollte ihn nicht zu viel nutzen, da er das Blut eintrockne. Es wird empfohlen, ihn mit Milch zu trinken.
 
Königskerze
 
Estlands Quellen: Helme Quelle
Nahe der Burgruine von Helme in Valgamaa befindet sich eine halbmeter tiefe Quelle mit hölzernem Geländer. Das Quellauge befindet sich ein wenig höher, sein Abflussbett wurde mit Steinen ausgekleidet. Es ist eine Opfer-Quelle; sie trägt ihren Namen nach den Münzen und dem Schmuck, der in sie geworfen wird: Helme bedeutet Schmuck, Perlen, Geschmeide. Nahe der Quelle war ein alter Hain, wohin die Leute am Himmelfahrtstag zum Opfern kamen und am ersten Pfingsttag. Das Quellwasser war heilsam gegen sieben Krankheiten. Vom Helmeursprung wurde jede Mittsommernacht ein Regenbogen geboren; wer ihn sehen wollte, musste sauberen Sand um die Quelle herumstreuen und sich dann über das Wasser beugen. Ein Mensch reinen Herzens wird in der Quelle Schönheit sehen wie sonst nirgendwo. 


 

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